Tom Stoppard – Arkadien

Was wird von der jetzigen, zeitgenössischen Dramatik in 200 Jahren geblieben sein? Welche Dramentexte werden zum Kanon gehören? An welche Autoren wird man sich erinnern? Tom Stoppard hat das Zeug dazu, dass man seinen Namen auch noch in mehreren Generationen nennt. Zumindest hätte sein Œuvre es verdient, in Erinnerung zu bleiben.
Arkadien war mir bereits vor einigen Monaten von einer Freundin ans Herz gelegt worden, doch nie hatte ich Zeit, mich an den Text heranzutasten. Dabei benötigt man gar keine große Vorarbeit und auch die Lesedauer ist mit etwa zwei Stunden eher kurz, wird man doch durch die Regieanweisung gleich in medias res geworfen:

Ein Raum auf der Gartenseite eines sehr großen, aristokratischen Herrensitzes in Derbyshire im April des Jahres 1809. Heute würde man das Haus ein stattliches Anwesen nennen. Die hintere Wand besteht hauptsächlich aus einer hohen, schön gegliederten Fensterfront ohne Vorhänge; einer oder auch mehrere der bis zum Fußboden reichenden ArkadienFlügel können als Türen genutzt werden. Vom davorliegenden Grundstück ist nicht viel zu sehen und nicht viel zu sagen. Im Laufe des Stückes erfahren wir, daß das Haus in einer für jene Epoche typischen englischen Parklandschaft steht.

In diesem Raum wird die dreizehnjährige Thomasina, Tochter der Hausherrin, von ihrem Lehrer Septimus Hodge unterrichtet. Wie damals üblich deckt der Hausunterricht alle möglichen Fächer ab: Algebra, Zeichnen, Latein, Klavierspiel usw. Besonders in der Mathematik tut sich Thomasina als Genie hervor. Sie entwickelt die Grundlagen der fraktalen Geometrie, um Objekte in der Natur mathematisch beschreiben zu können und denkt über die Thermodynamik nach, bevor jemand anders auf diese Gedanken gekommen ist. Unabhängig ihrer erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten ist sie aber auch noch Kind.

THOMASINA Septimus, was bedeutet „fleischliche Umarmung“?
SEPTIMUS Als „fleischliche Umarmung“ oder Umarmung des Fleisches oder lateinisch amplexus carnis, von caro, carnis, femininum, Fleisch, bezeichnet man das Herumlegen der Arme um ein Rinderviertel.
THOMASINA Sonst nichts?
SEPTIMUS Nein… höchstens noch einen an die Brust genommenen Lammrücken, eine ans Herz gezogene Rehkeule, eine getätschelte Speckschwarte … einfach Fleisch.

Dieses Gespräch bietet den Auftakt zur Entdeckung einer ganzen Reihe amouröser Verhältnisse zwischen den Bewohnern und den Freunden und Gästen des Hauses, unter denen sich auch Lord Byron befindet. Sie bildet die Grundlage für ein Versteckspiel, das deutliche strukturelle Anleihen an die Komödie um 1800 aufweist. Und dies ist nur einer der Diskurse, die sich in den Dramentext einschreiben. Sprache, Landschaftsarchitektur, Literatur, Naturwissenschaften werden impliziert oder ausdrücklich thematisiert. Das geschaffene diskursive Netz ist beeindruckend dicht gestrickt; entsprechend lässt sich auch kaum ein zentrales Thema des Stückes benennen.

Ein zweiter Handlungsverlauf ist in der Gegenwart, aber im gleichen Raum angesiedelt. Die Schriftstellerin Hannah Jarvis recherchiert für ein Buch über die Gartenbaukunst und der Literaturwissenschaftler Bernard Nightingale versucht inkognito herauszufinden, wie Lord Byron in die Liebschaften um 1809 verstrickt war und ob er womöglich wegen eines Duells gegen einen Nebenbuhler das Königreich verlassen musste.

Mittels der dramatischen Ironie wird deutlich: Auch wenn er sich siegessicher ist, der Hermeneutiker tappt im Dunkeln. Aber auch sein naturwissenschaftlicher Konterpart Valentine, der versucht den in Thomasinas Skizzenbüchern niedergeschriebenen Genius zu negieren, kann seine Forschungen zur Fasanenpopulation nicht abschließen: „Zuviel Störgeräusche. Einfach zuviel Scheiß-Störgeräusche!“

Es entspinnt sich ein polemischer methodologischer Streit zwischen den beiden Wissenschaftlern.

BERNARD […] Wenn Erkenntnis keine Selbsterkenntnis ist, kommt nicht viel bei rum, Sportsfreund. Dehnt das Universum sich aus? Zieht es sich zusammen? Steht’s auf einem Bein und singt „Mein Hut, der hat drei Ecken“? Laßt mich da raus. Ich kann mein Universum ohne euch expandieren.

Tom Stoppard

Der Schriftsteller Tom Stoppard

So wird im Stück auf das Postulat des absoluten Wissens kritisiert, wissenschaftshistorische und -kritische Pointen finden sich zahlreich. Doch vor allem ist Arkadien auch spannend wie ein Kriminalstück, das einen von der ersten bis zur letzten Seite packt, weil die Ausgestaltung des Sujets und auch die mögliche Auflösung der Konflikte stets unvorhersehbar bleibt. Die strukturelle Verschränkung der beiden Handlungsstränge ist beeindruckend, findet sie nicht nur durch Objekte und Personal, sondern auch durch eine Zeitsynchronisierung statt, die besonders bei einer Inszenierung effektvoll sein muss.

Deutsche Aufführungen gab es bisher fast ausschließlich an Laientheatern, doch eine Aufnahme in das Programm eines professionellen Schauspielhauses wäre sehr wünschenswert. Gerade aufgrund der intertextuellen Bezüge scheint jedoch wohl der eine oder andere Dramaturg und Intendant zurückzuschrecken. Schade eigentlich, doch ist es auch als Lesedrama besonders interessant und womöglich auch leichter zu rezipieren. Wird doch nicht nur das Ende des Stücks schon mehrfach geschickt in Andeutungen vorausgenommen, unter anderem im titelgebenden „Et in Arcadia Ego“.