Woyzeck – Büchners Geburtstagsmagazin

Woyzeck

Die aktuelle Ausgabe von
Das Buch als Magazin

Am 17. Oktober vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller, Arzt und Sozialrevolutionär Georg Büchner geboren. Zur Feier dieses Tages erschien heute das zweite Heft von Das Buch als Magazin – diesmal mit einer Ausgabe von Büchners Woyzeck.

Wer von diesem Magazin noch nichts gehört hat, dem sei das Konzept kurz erklärt: Veröffentlicht werden kanonische Texte der deutschen Literatur in einem Magazinformat. Am Seitenrand des literarischen Werks stehen Anmerkungen und Interpretationsskizzen. Die Texte werden durch Reportagen, Fotoserien und Artikel ergänzt, welche zwischen der Gegenwart und dem literarischen Text Bezüge herstellen sollen. Auch wenn man hier schon Kritik anbringen könnte (Liegt die Wertigkeit von literarischen Texten nur in ihrem Gegenwartsbezug? Ist es eine sinnvolle Herangehensweise, Literatur auf eine oder mehrere Aussagen zu reduzieren?): Ein sicherlich interessantes Konzept und so hatte ich mir auch bereits die erste Ausgabe (Franz Kafka: Die Verwandlung) zu Beginn des Jahres 2013 zugelegt. Leider wurde ich insbesondere von der Einrichtung des Textes enttäuscht, denn „Der Originaltext von Franz Kafka“, wie ihn das Titelblatt des Magazins anpries, war es sicher nicht, den ich zu lesen bekam. Mit einer Nachfrage bei der Redaktion erhielt ich die freundliche, aber zugleich ernüchternde E-Mail, dass man den Text nach zwei verschiedenen Internetseiten herausgegeben, aber immerhin nochmals mit einem Reprint der Erstausgabe verglichen hatte. Für ein Magazin, das literarische Texte in den Mittelpunkt stellen möchte, hatte ich mir da einen größeren Stellenwert des Autortextes gewünscht, etwa indem man nach der FKA ediert. Gerade bei Franz Kafka wäre eine Thematisierung wichtig gewesen, da die meisten Texte, die wir heute noch zu lesen bekommen, die nachträglichen Bearbeitungen von Max Brod sind.

Die Idee hielt ich trotzdem weiter für unterstützenswert und umso gespannter war ich, also vor einigen Tagen das neue Heft in meinen Briefkasten flatterte. Wie macht sich also nun die zweite Ausgabe des Magazins? Zweifelsohne gut. Kleinigkeiten wurden positiv verändert – es ist inzwischen zum Beispiel nicht mehr von „Geschichten aus dem Alltag“, die zum Text passen, sondern von „Geschichten aus der Gegenwart“ die Rede – und das auch in der ersten Ausgabe bereits edle Design ergibt im zweiten Heft ein außerordentlich stimmiges Gesamtbild. Erfreulich ist auch, dass diesmal mit der Münchener Ausgabe von 1979/1980 eine zitationsfähige Ausgabe als Textvorlage gewählt wurde und dazu der Fragmentcharakter des Woyzeck explizit thematisiert wird. Natürlich hätte man auch gleich auf die aktuelle Marburger Ausgabe zurückgreifen können, die den derzeitigen Forschungsstand repräsentiert, aber es zeigt sich eben, dass die beiden Herausgeber der Zeitschrift sich mit viel Liebe und Passion damit beschäftigen, wie ihr Magazin aussehen soll, und dabei auch kritische Anmerkungen der Leserschaft produktiv aufnehmen.

Auch die Beiträge in der Oktober-Ausgabe sind vielfältig. Peter Wagner schreibt in 60 Punkten über deutsche Frauen, die Angehörige der US-Armee heiraten und interviewt einige Seiten später die Psychiaterin Ulrike Schmidt zu Traumata. Felicitas Hoppe reflektiert über die Bedeutung von Woyzeck und Alban Bergs Wozzeck. Emma Kisiel schießt Photos von toten Tieren, die sie in offenen Gräbern bestattet hat. Und unter dem Pseudonym John Francis Calligan schreibt ein Diplomat über selbst erlebte kulturelle und ökonomische Differenzen. Letzterer Text ist in englischer Sprache verfasst und nicht übersetzt, was gerade bei diesem Thema als Glücksgriff gelten kann. Es stellt sich damit aber auch die Frage, an wen sich Das Buch als Magazin eigentlich richten soll. Recht weit reichende Kenntnisse des Englischen werden offenbar vorausgesetzt, auch die künstlerische Gestaltung mit moderner Photographie weist eher auf eine Zielgruppe in höheren Bildungsschichten hin, vielleicht sogar auf eine akademische Klientel. Nicht zuletzt sollten die Leser bei einem sicher angemessenen, aber trotzdem nicht besonders wohlfeilen Preis von 12€ finanzkräftig sein. Es geht also letztlich nicht darum, dass viele Menschen „gute Literatur“ kennen lernen, sondern um ein relativ luxuriöses Produkt für eine Minderheit, die dann, wie es im Editorial des Erstlings steht, alte Texte neu lesen kann. Das ist immer noch eine schöne Idee mit einer anmutigen Umsetzung, allerdings bleibt es dann fraglich, weshalb man für die Ausgaben Texte wählt, die den meisten dieser Menschen ohnehin aus der Schule oder ihrer sonstigen Allgemeinbildung bekannt sein dürften. Es wird sicherlich nicht leicht, mit diesem Konzept auf Dauer bestehen zu können, weil man sich nicht nur in Konkurrenz mit anderen Zeitschriften, sondern vor allem mit den großen Klassikerverlagen begibt. Aber bei der Kreativität der Redaktion mache ich mir keine Sorgen und bin zuversichtlich, dass wir noch viele Ausgaben des Magazins in den Händen halten können. Wir dürfen gespannt sein, was uns das nächste Heft für Neuigkeiten zu den alten Texten offeriert.

Andreas Gryphius – Gedichte

GryphiusGedichteDie Gryphius-Forschung ist produktiv: Mehrere hundert Aufsätze, Monographien und Sammelbände sind zum Werk des schlesischen Autors seit den Jahr 2000 erschienen. Aber eine verlässliche Werkausgabe fehlt bis heute. Das ist besonders deshalb ein Problem, weil Gryphius stark kanonisiert ist, als einer der größten des deutschsprachigen Barocks, wenn nicht gar der ganzen Literaturgeschichte gilt und seine Gedichte bis heute – leider im Gegensatz zu seinen sehr unterhaltsamen Komödien und epochalen Trauerspielen – in der Schule gelesen werden. Dass der Reclam-Verlag hier mit einer historisch-kritischen Ausgabe Abhilfe schaffen würde, war natürlich nicht zu erwarten, aber dennoch ist das gelbe Bändchen mit einer Auswahl von Gedichten in vielfacher Hinsicht bemerkenswert.

Andreas Gryphius wurde 1616 in Glogau geboren. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges war er folglich ein kleines Kind und ohne diesen Umstand wäre insbesondere die Lyrik Gryphiusʼ nicht denkbar. Dreißig Jahre lang sorgte der Krieg in weiteren Teilen Zentraleuropas für Verheerung, die heute kaum noch vorstellbar sind. Zuerst kämpfen Katholiken gegen Protestanten, dann wurde aus dem Glaubenskrieg immer stärker ein politischer Konflikt, in dem sich schließlich Konfessionsbrüder gegenseitig für die Interessen ihrer Fürsten abschlachteten.

Städte wurden geplündert, die Frauen vergewaltigt, die Männer grausam getötet und wer überlebte, musste vielleicht wenige Monate später ansehen, wie andere Truppen das Zerstörten, was gerade wieder aufgebaut worden war. Allein Glogau wurde 1628 gewaltsam rekatholisiert, 1630 von den Protestanten eingenommen, 1633 wieder katholisch und 1642 vom protestantischen Schweden erobert. Dazu zogen brandschatzende Horden durch die Lande, die auf keiner Seite kämpften und versuchten, aus dem Chaos und Leid ihren Gewinn zu schlagen. Zugleich wüteten Pestepidemien, die diejenigen töteten, die die Massaker überlebt hatten. Dabei war das Weltbild der Menschen noch kein globalisiertes, wie wir es heute haben. Man kannte kaum das nächste Dorf oder gar Gegenden außerhalb seines eigenen Herzogtums. Was also im Chaos war, was unterging, war für die gottgläubigen Menschen ihre ganze Welt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass der gesamte Halt im Leben verloren ging. Diese Angst, das Leid und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges schreiben sich auch in die Lyrik Andreas Gryphiusʼ ein. Eindrucksvoll zeigt sich das am Beispiel einer Grabschrift, die er auf den Tod seiner Nichte als Neugeborenes geschrieben hat:

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An dem hier zitierten Gedicht wird ein Vorteil der Reclam-Ausgabe deutlich: Die Texte werden soweit wie möglich in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Es erfolgen keine Normalisierungen der Rechtschreibung, die Virgeln werden nicht durch Kommata ersetzt, auch die Supraskripta der Umlaute bleiben bestehen. So kann das Gedicht in einer historisch korrekten Form rezipiert werden und nicht in einer Variante, die sich ein späterer Herausgeber überlegt hat, um uns heutigen Lesern eine vermeintliche Hilfe zu bieten.

Die Fremdheit, die dieses Druckbild und auch die Wortwahl auf uns heute hat, lässt sich jedoch nicht leugnen und sie fordert ein gewisses Maß an Sprach- und Textkompetenz, das im heutigen Literaturunterricht leider durch den Einsatz modernisierter Ausgaben oft eher abtrainiert wird. Insofern ist es besonders begrüßenswert, dass Thomas Borgstedt mit seiner Reclam-Auswahlausgabe die Lyrik Andreas Gryphiusʼ nicht nur editorisch versiert und historisch korrekt herausgegeben hat, sondern auch in einer Form, in der sie vielleicht in Zukunft zur Grundlage der Barockstunden im Deutschunterricht wird.

Greift man nur bei offensichtlichen Druckfehlern ein, ist es für eine Leseausgabe aber zweifelsohne ratsam, einen erläuternden Kommentar beizufügen. Hier zeigt sich ein gewisser Schwachpunkt der Ausgabe, denn der Kommentar erläutert mitunter viele Stellen nicht, die sich dem heutigen Leser nicht unbedingt erschließen. Ein bekanntes Beispiel:

Gryphius2

In seinem Stellenkommentar weist Borgstedt als Begriffe nur nach: „Carthaun] schwere Kanone, ‚Viertelbüchse‘ […] Grauß] Trümmer“. Zumindest für Grauß ist der Nachweis zweifelsohne sinnvoll. Dafür fehlen jedoch einige Erläuterungen, ohne die man Stellen des Gedichtes heute womöglich falsch verstehen könnte oder zumindest nicht direkt versteht, was das Wort meint. So bedeutet frech bei Gryphius ‚mutig, kühn, kriegerisch‘, das vom Blutt fette Schwerdt ist ein Schwert, das vor lauter Blut tropft. Von Leichen fast verstopfft meint nicht, dass die Flüsse fast verstopft sind, sondern dass sie fest, vollständig verstopft sind, wie es bei der völligen Zerstörung Magdburgs 1631 der Fall gewesen sein soll. Borgstedt erwähnt außerdem mit keinem Wort die Apokalypse-Verweise, die sich durch das Sonett ziehen: die rasenden Posaunen, die umgekehrte Kirche als Auflösung der Weltordnung des Gottesreichs und vor allem Dreymal sind schon sechs Jahr als Zahl des Antichristen. Stattdessen schreibt er zu letzterer Stelle nur „18 Jahre seit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618“, was zweifelsfrei korrekt ist, aber eine zentrale Bedeutungsebene des Textes außer Acht lässt. Man lese das Gedicht mit diesem Wissen nochmals und der Eindruck wird sicher ein anderer sein.

Erfreulich ist, dass neben den großen Dichtungen über Tod und Schrecken seiner Zeit auch die weniger rezipierten Spottverse und Epigramme Eingang in die Auswahl finden. Gryphius zeigt sich hier von seiner ironischen Seite, die sonst kaum beachtet wird und mit der Leseausgabe vielleicht in eine zumindest etwas breitere Öffentlichkeit getragen wird.

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Ein lesenswertes Nachwort rundet die Ausgabe zusammen mit der aufschlussreichen editorischen Notiz, einer brauchbaren Auswahlbibliographie und einer manchmal recht groben Zeittafel der biographischen Umstände Gryphiusʼ ab.

Vom Weglegen der Bücher − Glennkill. Ein Schafskrimi

Selten kommt es vor, dass ich die Lektüre von Büchern abbreche. Denn meist suche ich mir jene Werke aus der Unmenge von Erscheinungen aller Jahrhunderte heraus, die ich aus Gründen für lesenswert halte. Manchmal ist es aber auch ein Fehlgriff, der passiert. So etwa bei Glennkill. Ein Schafskrimi von Leonie Swann.

Das Buch ist bekannt, wurden doch mehrere Millionen Exemplare verkauft, und die Autorin hat nach diesem Erfolg weiter im neuen Subgenre des Schafkrimis getextet. Dass Quantität aber nicht immer ein Merkmal für literarische Qualität sein muss, wird spätestens nach dem Erfolg der zahlreichen Vampir-Romane den meisten Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen, klar geworden sein. Entsprechend kritisch war ich auch, als mir der Kriminalroman mit den tierischen Protagonisten ans Herz gelegt wurde. Doch von einer studierten − inzwischen sogar promovierten − Literaturwissenschaftlerin glaubte ich doch, einen anspielungsreichen und spannenden Roman erwarten zu dürfen. Spannend nicht zuletzt, weil ihr schriftstellerisches Debut auch in den Feuilletons und Literaturmagazinen überwiegend positiv aufgenommen wurde.

Erfolgsversprechend ließ sich Glennkill auch an, werden doch vor das erste Kapitel die „Dramatis Oves“ gestellt, was mich zum Schmunzeln veranlasst hat. Auch einige der Namen wie Miss Maple („ist das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt“), Melmoth („ein legendärer verschwundener Widder“) oder Othello („ein schwarzer Hebridean-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit“) sind zumindest kurzweilig und verweisen sofort zu Begin auf intertextuelle Bezüge, die es tatsächlich in dem Buch hin und wieder gibt. Doch leider bleibt der Roman auf dieser rein nominellen Anspielungsebene und verbindet sich nicht mit anderen zu einem komplexeren Geflecht.

Glennkill

Auch auf der Handlungsebene wird eigentlich nur ein einfaches und dazu nicht besonders innovatives Thema variiert: Die Distanzierung zur eigenen Perspektive. Die Schafe im Roman erklären sich die Welt anders als die Menschen es tun. Sie nehmen sie anders wahr, setzen andere Bedeutungsschwerpunkte und bringen ihre Wahrnehmungen in andere Zusammenhänge. Da man selbst als Leser jedoch ein Mensch ist, wird man so auf seine eigene Wahrnehmung gestoßen und beginnt, sie zu reflektieren. Das ist eine nette Idee, die es in der Weltliteratur schon vielfach gegeben hat, wenn auch nicht in dieser animalisch-komödiantischen Weise.

Als die Schafe eines Tages ihren Schäfer tot und von einem Spaten aufgespießt entdecken, beschließen sie, den Täter zu finden. Dabei dringen sie mehr in die Welt der Menschen ein und teilen sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit den Zweibeinern mit. Das führt eben aufgrund dieser Perspektivverschiebung ohne Frage zu lustigen Textstellen, etwa wenn ein Schaf feststellt, dass es den Priester schon einmal gesehen hat.

„[…] Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. ‚Willkommen im Hause Gottes!‘ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.“ Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.
„‚Gott‘ heißt er also“, sagte Sir Ritchfield.
Othello machte ein seltsames Gesicht. „Gott?“
„Vielleicht“, sagte Cloud unsicher. „Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehrten ein Lamm, aber ein besonders Lamm. Sie nannten es ‚den Herrn‘. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur… schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.“ Sie wollte nicht weitererzählen.
„Und in ihm steckte ein Spaten, stimmt’s?“, fragte Sir Ritchfield triumphierend.
„Dieser ‚Gott‘ scheint mir ziemlich verdächtig“, sagte Mopple. „Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.“
„Er ist sehr mächtig“, ergänzte Cloud, die sich ein wenig gefangen hatte. „Alle Leute sind vor ihm auf die Knie gefallen. Und er hat gesagt, dass er alles weiß.“
[…]
Die Schafe dachten weiter über Gott nach.

Das mag ein paar Mal amüsant sein, verliert aber seinen Charme durch die vielfache Wiederholung.

Hier fällt auch die zweite wesentliche Schwachstelle des Romans auf. Die Sprache ist einfach und kunstlos, die Syntax kurz und ohne Schmuck. Das kann intendiert sein oder nicht, wenn man Schafe sprechen lässt. Es ist auf fast 400 Seiten mit einer Vielzahl von Dialogen aber nur schwerlich zu ertragen.

Für mich war nach einigen Kapiteln darum Schluss, denn nach Daniel Pennacs „unantastbaren Rechten des Lesers“ aus Wie ein Roman nehme ich mir das Recht heraus, ein Buch nicht zu Ende zu lesen:

Es gibt sechsundreißigtausend Gründe, einen Roman vor dem Ende wegzulegen: das Gefühl von ‚Déjà-lu‘, eine Geschichte, die uns nicht fesselt,  unsere totale Ablehnung der Thesen des Autors, einen Stil, von dem wir eine Gänsehaut bekommen, oder, im Gegenteil eine Art zu schreiben, bei der es keinen Grund weiterzulesen gibt. Es ist unnötig die anderen 35995 anderen Gründe aufzuzählen, zu denen auch Zahnschmerzen und die Schikanen unseres Chefs gehören oder ein Herzbeben, das unseren Kopf versteinert.
Fällt uns das Buch aus der Hand?
Soll es doch fallen.
Schließlich ist nicht jeder, der will, ein Montesquieu, daß er sich auf Befehl den Trost eines Lesestündchens gönnen könnte.

Viele dieser Gründe kann man verhindern, wenn man sich überlegt, was man eigentlich lesen möchte und warum man liest. Aber manchmal passiert es eben auch, dass man mit einem Buch nicht zurecht kommt, dass man ein Buch anders eingeschätzt hat, egal ob es Swann oder Sartre ist. Dann kann man sich überlegen, wieso das so ist, und ob es an einem selbst, an dem Buch oder an seiner eigenen Beziehung zu diesem Text liegt. Und vielleicht kommt man dann darauf, dass sich ein zweiter Blick mit veränderter Perspektive durchaus lohnen könnte. Wer hat nicht die Texte der Klassik in der Schule langweilig gefunden und dann im Erwachsenenalter oder besonders im Literaturstudium gemerkt, dass es − unabhängig von Geschmack − großartige literarische Werke sind?

Vor allem zeigt sich aber bei Glennkill nicht nur, dass man seine Zeit manchmal besser nutzen kann, als beim Lesen von Büchern, es tritt auch etwas an die Oberfläche, das bei vielen Neuerscheinungen der letzten 5-6 Jahre vergessen wird: Eine einzige gute Idee macht noch keinen guten Roman.

Tom Stoppard – Arkadien

Was wird von der jetzigen, zeitgenössischen Dramatik in 200 Jahren geblieben sein? Welche Dramentexte werden zum Kanon gehören? An welche Autoren wird man sich erinnern? Tom Stoppard hat das Zeug dazu, dass man seinen Namen auch noch in mehreren Generationen nennt. Zumindest hätte sein Œuvre es verdient, in Erinnerung zu bleiben.
Arkadien war mir bereits vor einigen Monaten von einer Freundin ans Herz gelegt worden, doch nie hatte ich Zeit, mich an den Text heranzutasten. Dabei benötigt man gar keine große Vorarbeit und auch die Lesedauer ist mit etwa zwei Stunden eher kurz, wird man doch durch die Regieanweisung gleich in medias res geworfen:

Ein Raum auf der Gartenseite eines sehr großen, aristokratischen Herrensitzes in Derbyshire im April des Jahres 1809. Heute würde man das Haus ein stattliches Anwesen nennen. Die hintere Wand besteht hauptsächlich aus einer hohen, schön gegliederten Fensterfront ohne Vorhänge; einer oder auch mehrere der bis zum Fußboden reichenden ArkadienFlügel können als Türen genutzt werden. Vom davorliegenden Grundstück ist nicht viel zu sehen und nicht viel zu sagen. Im Laufe des Stückes erfahren wir, daß das Haus in einer für jene Epoche typischen englischen Parklandschaft steht.

In diesem Raum wird die dreizehnjährige Thomasina, Tochter der Hausherrin, von ihrem Lehrer Septimus Hodge unterrichtet. Wie damals üblich deckt der Hausunterricht alle möglichen Fächer ab: Algebra, Zeichnen, Latein, Klavierspiel usw. Besonders in der Mathematik tut sich Thomasina als Genie hervor. Sie entwickelt die Grundlagen der fraktalen Geometrie, um Objekte in der Natur mathematisch beschreiben zu können und denkt über die Thermodynamik nach, bevor jemand anders auf diese Gedanken gekommen ist. Unabhängig ihrer erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten ist sie aber auch noch Kind.

THOMASINA Septimus, was bedeutet „fleischliche Umarmung“?
SEPTIMUS Als „fleischliche Umarmung“ oder Umarmung des Fleisches oder lateinisch amplexus carnis, von caro, carnis, femininum, Fleisch, bezeichnet man das Herumlegen der Arme um ein Rinderviertel.
THOMASINA Sonst nichts?
SEPTIMUS Nein… höchstens noch einen an die Brust genommenen Lammrücken, eine ans Herz gezogene Rehkeule, eine getätschelte Speckschwarte … einfach Fleisch.

Dieses Gespräch bietet den Auftakt zur Entdeckung einer ganzen Reihe amouröser Verhältnisse zwischen den Bewohnern und den Freunden und Gästen des Hauses, unter denen sich auch Lord Byron befindet. Sie bildet die Grundlage für ein Versteckspiel, das deutliche strukturelle Anleihen an die Komödie um 1800 aufweist. Und dies ist nur einer der Diskurse, die sich in den Dramentext einschreiben. Sprache, Landschaftsarchitektur, Literatur, Naturwissenschaften werden impliziert oder ausdrücklich thematisiert. Das geschaffene diskursive Netz ist beeindruckend dicht gestrickt; entsprechend lässt sich auch kaum ein zentrales Thema des Stückes benennen.

Ein zweiter Handlungsverlauf ist in der Gegenwart, aber im gleichen Raum angesiedelt. Die Schriftstellerin Hannah Jarvis recherchiert für ein Buch über die Gartenbaukunst und der Literaturwissenschaftler Bernard Nightingale versucht inkognito herauszufinden, wie Lord Byron in die Liebschaften um 1809 verstrickt war und ob er womöglich wegen eines Duells gegen einen Nebenbuhler das Königreich verlassen musste.

Mittels der dramatischen Ironie wird deutlich: Auch wenn er sich siegessicher ist, der Hermeneutiker tappt im Dunkeln. Aber auch sein naturwissenschaftlicher Konterpart Valentine, der versucht den in Thomasinas Skizzenbüchern niedergeschriebenen Genius zu negieren, kann seine Forschungen zur Fasanenpopulation nicht abschließen: „Zuviel Störgeräusche. Einfach zuviel Scheiß-Störgeräusche!“

Es entspinnt sich ein polemischer methodologischer Streit zwischen den beiden Wissenschaftlern.

BERNARD […] Wenn Erkenntnis keine Selbsterkenntnis ist, kommt nicht viel bei rum, Sportsfreund. Dehnt das Universum sich aus? Zieht es sich zusammen? Steht’s auf einem Bein und singt „Mein Hut, der hat drei Ecken“? Laßt mich da raus. Ich kann mein Universum ohne euch expandieren.

Tom Stoppard

Der Schriftsteller Tom Stoppard

So wird im Stück auf das Postulat des absoluten Wissens kritisiert, wissenschaftshistorische und -kritische Pointen finden sich zahlreich. Doch vor allem ist Arkadien auch spannend wie ein Kriminalstück, das einen von der ersten bis zur letzten Seite packt, weil die Ausgestaltung des Sujets und auch die mögliche Auflösung der Konflikte stets unvorhersehbar bleibt. Die strukturelle Verschränkung der beiden Handlungsstränge ist beeindruckend, findet sie nicht nur durch Objekte und Personal, sondern auch durch eine Zeitsynchronisierung statt, die besonders bei einer Inszenierung effektvoll sein muss.

Deutsche Aufführungen gab es bisher fast ausschließlich an Laientheatern, doch eine Aufnahme in das Programm eines professionellen Schauspielhauses wäre sehr wünschenswert. Gerade aufgrund der intertextuellen Bezüge scheint jedoch wohl der eine oder andere Dramaturg und Intendant zurückzuschrecken. Schade eigentlich, doch ist es auch als Lesedrama besonders interessant und womöglich auch leichter zu rezipieren. Wird doch nicht nur das Ende des Stücks schon mehrfach geschickt in Andeutungen vorausgenommen, unter anderem im titelgebenden „Et in Arcadia Ego“.

Anna Sam – Die Leiden einer jungen Kassiererin

Vor einigen Tagen hatte ich den spontanen Einfall, dass der Platz hinter der Kasse eines Supermarktes doch hervorragend geeignet sei, soziale oder kulturanthropologische Studien durchzuführen. Man bekommt so viele Personen zu Gesicht und kann nicht nur ihr Verhalten, sondern zugleich ihren Konsum beobachten. Daraus ließe sich doch gewiss eine interessante und humorvolle Gesellschaftsanalyse machen. Kaum hatte ich das geäußert, wurde ich gleich belehrt, solch ein Buch gebe es schon: Die Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam.

Bereits 2008 in Frankreich erschienen, wurde es im September 2010 in deutscher Sprache bei Goldmann publiziert. Die studierte Literaturwissenschaftlerin Sam stellt darin Beobachtungen aus dem Blickwinkel hinter der Kasse an, an welcher sie während und auch nach dem Studium insgesamt acht Jahre gearbeitet hat. Und tatsächlich lässt sich auf dem Rückumschlag lesen:

Mit ironischer Lässigkeit und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie hier Szenen aus der Welt der Supermärkte, die im Kleinen das widerspiegelt, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt.

Anna Sam

Besonders im Fokus stehen dabei natürlich die Kunden. Wer schon einmal, sei es in der Ausbildung und im Berufsleben oder nur als Nebenjob während der Schulzeit oder dem Studium im Verkauf gearbeitet hat, wird das Phänomen kennen: Es gibt Kunden, die behandeln einen wie Dreck. Besonders schlimm ist es in der Systemgastronomie und an der Supermarktkasse, denn hier finden keine Beratungsgespräche mehr statt. Stattdessen werden nur noch Floskeln ausgetauscht und vorgegebene Gespräche durchgeführt. Das führt offenbar bei nicht wenigen dazu, nicht mehr den Menschen zu sehen, sondern nur noch die Funktion. So ist es natürlich im System angelegt, denn der Mensch brächte Uneinheitlichkeit und damit Unplanbarkeit in die Verkaufsprozesse. Das reflektiert Anna Sam leider nicht. Auch die angeprangerten Arbeitsbedingungen (3 Minuten Pause pro Stunde Arbeit, Rückenprobleme durch ungesunde Arbeitshaltung, strikte Hierarchien, unplanbare Schichten) werden zwar benannt, aber nicht tiefer untersucht. Dafür unterhält die Autorin mit einer Kunden- und Chef-Typologien und einer herrlich sarkastischen Kommentierung des Erlebten.

Dachten Sie etwa, Sie würden, wenn Sie sich als Kassiererin verdingen, außer Ihrem Beruf nichts dazulernen? Nicht so pessimistisch! Wenn es um das Studium der menschlichen Dummheit geht, befinden Sie sich in einer absolut beneidenswerten Position.

Viele Anekdoten füllen die 171 Seiten des Werkes. Darunter auch jene, bei der sich zwei Freundinnen vor der Kasse streiten und handgreiflich werden, als es um die Frage geht, wer von beiden zahlen darf: Beide wollen die andere einladen. Anna Sam analysiert treffend:

Diese kleine Geschichte zeigt meiner Ansicht nach einen der tragenden Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Die „Bezahlung“ gilt als einziger echter Freundschaftsbeweis, sogar mit der besten Freundin. Gleiches gilt in der Liebe … ich bezahle, also bin ich.

Weiter ausgeführt wird diese Betrachtung nicht und sie bleibt ohnehin ein Einzelfall. Andere Anekdoten sind zwar unterhaltsam, gehen über die Witzigkeit jedoch auch nicht hinaus. So auch die Klassifikation von Diebstahlsversuchen („Der Schönredner“, „Das streitende Paar“, „Der Versteckspieler“, „Der Outrierer“, „Der Langstreckenläufer“, „Der Strichcode-Schwindler“, „Der ‚Hast-du-nicht-gesehen‘-Typ“). Das ist lustig. Mehr ist es nicht.

Insofern kann man Die Leiden einer jungen Kassiererin als Versuch einer humorvollen und massentauglichen Ethnographie lesen − doch dieser Versuch ist es dann auch geblieben. Meine gewünschte kulturanthropologische Studie steht also offenbar noch immer aus.