Vom Weglegen der Bücher − Glennkill. Ein Schafskrimi

Selten kommt es vor, dass ich die Lektüre von Büchern abbreche. Denn meist suche ich mir jene Werke aus der Unmenge von Erscheinungen aller Jahrhunderte heraus, die ich aus Gründen für lesenswert halte. Manchmal ist es aber auch ein Fehlgriff, der passiert. So etwa bei Glennkill. Ein Schafskrimi von Leonie Swann.

Das Buch ist bekannt, wurden doch mehrere Millionen Exemplare verkauft, und die Autorin hat nach diesem Erfolg weiter im neuen Subgenre des Schafkrimis getextet. Dass Quantität aber nicht immer ein Merkmal für literarische Qualität sein muss, wird spätestens nach dem Erfolg der zahlreichen Vampir-Romane den meisten Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen, klar geworden sein. Entsprechend kritisch war ich auch, als mir der Kriminalroman mit den tierischen Protagonisten ans Herz gelegt wurde. Doch von einer studierten − inzwischen sogar promovierten − Literaturwissenschaftlerin glaubte ich doch, einen anspielungsreichen und spannenden Roman erwarten zu dürfen. Spannend nicht zuletzt, weil ihr schriftstellerisches Debut auch in den Feuilletons und Literaturmagazinen überwiegend positiv aufgenommen wurde.

Erfolgsversprechend ließ sich Glennkill auch an, werden doch vor das erste Kapitel die „Dramatis Oves“ gestellt, was mich zum Schmunzeln veranlasst hat. Auch einige der Namen wie Miss Maple („ist das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt“), Melmoth („ein legendärer verschwundener Widder“) oder Othello („ein schwarzer Hebridean-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit“) sind zumindest kurzweilig und verweisen sofort zu Begin auf intertextuelle Bezüge, die es tatsächlich in dem Buch hin und wieder gibt. Doch leider bleibt der Roman auf dieser rein nominellen Anspielungsebene und verbindet sich nicht mit anderen zu einem komplexeren Geflecht.

Glennkill

Auch auf der Handlungsebene wird eigentlich nur ein einfaches und dazu nicht besonders innovatives Thema variiert: Die Distanzierung zur eigenen Perspektive. Die Schafe im Roman erklären sich die Welt anders als die Menschen es tun. Sie nehmen sie anders wahr, setzen andere Bedeutungsschwerpunkte und bringen ihre Wahrnehmungen in andere Zusammenhänge. Da man selbst als Leser jedoch ein Mensch ist, wird man so auf seine eigene Wahrnehmung gestoßen und beginnt, sie zu reflektieren. Das ist eine nette Idee, die es in der Weltliteratur schon vielfach gegeben hat, wenn auch nicht in dieser animalisch-komödiantischen Weise.

Als die Schafe eines Tages ihren Schäfer tot und von einem Spaten aufgespießt entdecken, beschließen sie, den Täter zu finden. Dabei dringen sie mehr in die Welt der Menschen ein und teilen sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit den Zweibeinern mit. Das führt eben aufgrund dieser Perspektivverschiebung ohne Frage zu lustigen Textstellen, etwa wenn ein Schaf feststellt, dass es den Priester schon einmal gesehen hat.

„[…] Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. ‚Willkommen im Hause Gottes!‘ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.“ Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.
„‚Gott‘ heißt er also“, sagte Sir Ritchfield.
Othello machte ein seltsames Gesicht. „Gott?“
„Vielleicht“, sagte Cloud unsicher. „Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehrten ein Lamm, aber ein besonders Lamm. Sie nannten es ‚den Herrn‘. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur… schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.“ Sie wollte nicht weitererzählen.
„Und in ihm steckte ein Spaten, stimmt’s?“, fragte Sir Ritchfield triumphierend.
„Dieser ‚Gott‘ scheint mir ziemlich verdächtig“, sagte Mopple. „Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.“
„Er ist sehr mächtig“, ergänzte Cloud, die sich ein wenig gefangen hatte. „Alle Leute sind vor ihm auf die Knie gefallen. Und er hat gesagt, dass er alles weiß.“
[…]
Die Schafe dachten weiter über Gott nach.

Das mag ein paar Mal amüsant sein, verliert aber seinen Charme durch die vielfache Wiederholung.

Hier fällt auch die zweite wesentliche Schwachstelle des Romans auf. Die Sprache ist einfach und kunstlos, die Syntax kurz und ohne Schmuck. Das kann intendiert sein oder nicht, wenn man Schafe sprechen lässt. Es ist auf fast 400 Seiten mit einer Vielzahl von Dialogen aber nur schwerlich zu ertragen.

Für mich war nach einigen Kapiteln darum Schluss, denn nach Daniel Pennacs „unantastbaren Rechten des Lesers“ aus Wie ein Roman nehme ich mir das Recht heraus, ein Buch nicht zu Ende zu lesen:

Es gibt sechsundreißigtausend Gründe, einen Roman vor dem Ende wegzulegen: das Gefühl von ‚Déjà-lu‘, eine Geschichte, die uns nicht fesselt,  unsere totale Ablehnung der Thesen des Autors, einen Stil, von dem wir eine Gänsehaut bekommen, oder, im Gegenteil eine Art zu schreiben, bei der es keinen Grund weiterzulesen gibt. Es ist unnötig die anderen 35995 anderen Gründe aufzuzählen, zu denen auch Zahnschmerzen und die Schikanen unseres Chefs gehören oder ein Herzbeben, das unseren Kopf versteinert.
Fällt uns das Buch aus der Hand?
Soll es doch fallen.
Schließlich ist nicht jeder, der will, ein Montesquieu, daß er sich auf Befehl den Trost eines Lesestündchens gönnen könnte.

Viele dieser Gründe kann man verhindern, wenn man sich überlegt, was man eigentlich lesen möchte und warum man liest. Aber manchmal passiert es eben auch, dass man mit einem Buch nicht zurecht kommt, dass man ein Buch anders eingeschätzt hat, egal ob es Swann oder Sartre ist. Dann kann man sich überlegen, wieso das so ist, und ob es an einem selbst, an dem Buch oder an seiner eigenen Beziehung zu diesem Text liegt. Und vielleicht kommt man dann darauf, dass sich ein zweiter Blick mit veränderter Perspektive durchaus lohnen könnte. Wer hat nicht die Texte der Klassik in der Schule langweilig gefunden und dann im Erwachsenenalter oder besonders im Literaturstudium gemerkt, dass es − unabhängig von Geschmack − großartige literarische Werke sind?

Vor allem zeigt sich aber bei Glennkill nicht nur, dass man seine Zeit manchmal besser nutzen kann, als beim Lesen von Büchern, es tritt auch etwas an die Oberfläche, das bei vielen Neuerscheinungen der letzten 5-6 Jahre vergessen wird: Eine einzige gute Idee macht noch keinen guten Roman.

Vom Aussetzen der Argumentation

Es ist ein eigenartiges Phänomen des Internets, dass Diskussionen schnell in Beleidigungen ausarten und dass gute, ja sogar zwingende Argumente von Diskussionsteilnehmern ignoriert werden. Eine sachliche Diskussion ist oftmals nicht möglich und als Beobachter gewinnt man in vielen Fällen den Eindruck, dass mindestens ein Diskutant, oftmals aber auch alle Beteiligten vollkommen aneinander vorbei reden. Wer wollte, könnte in diversen Blogs, aber besonders auf Facebook-Seiten und in Youtube-Kommentarspalten eine unendlich anmutende Fülle von Beispielen finden. Einen Artikel, der sich diesen Diskussionen eher auf der Ebene der Bedeutungszuschreibung nähert, hatte ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. In letzter Zeit ist besonders die Band Frei.Wild als Thema beliebt, wenn es um den Austausch semantisch reduzierter Sentenzen geht. Keine dieser Erscheinungen ist in dieser Intensität im Alltag außerhalb des Internets zu beobachten. Wie kann das sein?

Die Strukturen des Internets

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass bei vielen Rahmenbedingungen − etwa Facebook- und Youtube-Kommentare, aber natürlich auch Twitter − die Länge der Nachrichten explizit oder rezeptionsbedingt limitiert ist. Der Aufbau einer komplexen Argumentation ist hier gar nicht möglich. Weil aber auch in Foren und Blogs recht schnell ad hominem diskutiert wird und weil auch hier schlüssig und rhetorisch aufgebaute Argumentationen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, muss es weitere Gründe geben.

Internet Discussion

Diese sind sicher zum Teil in der partizipativen Struktur des Web 2.0 zu suchen: Alle können Mitreden. Ich brauche keine Qualifikation, um mich zu einem Thema zu äußern, wie es − zumindest meistens − der Fall ist, wenn ich im Fernsehen, der Printpresse oder in der Literatur mit meinen Positionen zitiert und rezipiert werden möchte. Diese Nicht-Qualifikation spiegelt sich dann auch in den entsprechenden Debattenbeiträgen wider. Vor allem das Ausgehen von fragwürdigen Prämissen ist dabei beliebt. Die eigene Position fundamental zu hinterfragen und auch an den Axiomen zu rütteln, wenn es Grund dafür gibt, ist zur Seltenheit verkommen. Wenn aber z.B. die vertretenen Grundannahmen schon in einem Widerspruch zur gängigen Forschungsmeinung, so es sie denn gibt, stehen und diese Abweichung nicht einmal begründet werden kann, ist es natürlich nicht möglich, eine sinnvolle und andere überzeugende Argumentation auf ihnen aufzubauen.

Wir brauchen positive Selbstkonzepte

Im Beispiel Frei.Wild sieht man das an Kommentaren wie „freiwild sagt selbst, dass sie gegen rechts sind also könen sie ja wohl keine nazis sein“. Offenbar liegt diesem Satz die fragwürdige Annahme zugrunde, dass eine Aussage über das eigene Selbst bzw. das eigene Wesen nicht falsch sein kann. Das beanspruchen offenbar auch die Autoren dieser Kommentare für sich, und damit nähern wir uns auch schon einem Kern des Problems: positive Selbstkonzepte.

Ich selbst bin Geisteswissenschaftler und kein Psychologe, aber für die Rezeption der (meist etwas obskuren) psychoanalytischen Literaturwissenschaft musste ich mir ein paar psychologische Grundkenntnisse anlesen, so dass ich zumindest ein wenig zu dem Thema sagen kann. Um es ganz platt zu machen: Damit wir mit dem Leben klar kommen, brauchen wir ein positives Bild von uns selbst. Wir haben ein Konzept davon, welche Vorstellungen wir haben und gehen davon aus, dass unsere Handlungen diesen Überzeugungen entsprechen. Bekommen wir von unserer Umwelt, also vorzüglich unseren Mitmenschen, anderweitige Rückmeldungen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese muss jedoch aufgelöst werden, damit unser positives Selbstkonzept nicht in Gefahr gerät. Eine Möglichkeit dazu ist, Handlungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Eine andere ist es, die Ursachen für die Dissonanz bei anderen oder in Sachzwängen zu suchen. Im Internet ist gerade dieses Abweisen der Verantwortlichkeit besonders einfach, weil ich die Menschen, mit denen ich diskutiere, in der Regel nicht persönlich kenne: „Ach, das sind nur irgendwelche Idioten aus dem Internet! Wie kann man nur so arrogant sein?!“, „Die werfen mir das vor? Die wissen ja nicht mal wovon sie reden! Immer diese Trolle! Ich hingegen, ich habe Ahnung von dem Thema, nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung!“


Ein nettes Video, das die kognitive Dissonanz thematisiert

Dazu kommt, dass das Internet für einige Menschen die Möglichkeit bietet, ein neues Selbstkonzept zu erstellen. Wenn sie ihr positives Selbstbild in der Welt außerhalb des Internets verloren haben oder nur durch Isolation aufrecht erhalten konnten, reagieren sie umso heftiger, wenn sie im Internet ähnlich gelautete Rückmeldungen auf ihre (sprachlichen) Handlungen erhalten. Diese Reaktion kann sich in Ablehnung und Aggression ausdrücken und damit ein ad hominem oder tu quoque begründen.

Das Internet, ein weltweiter Stammtisch

Besonders wenn eine solche persönliche Verwicklung gegeben ist, fließen emotionale Aspekte stark in die Argumentation ein, was sie rational meist kaum noch nachvollziehbar werden lässt. Sie erhält dann Stammtischniveau im Stile von:

A: Also ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber diese Zigeuner…nee, so schlecht erzogene Kinder haben die!

B: Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass alle Sinti und Roma keine Kindererziehung bewerkstelligen können…

A: Also ich hab mal neben einer Zigeunerfamilie gewohnt und die Kinder waren den ganzen Tag laut und haben im Garten und Flur gerufen und die Türen geknallt. Sogar am Sonntag! Da kannste mir sagen, was du willst, die Zigeuner können ihre Kinder einfach nicht erziehen!

Was hier geschieht, ist natürlich eine induktive Argumentation par excellence. Aus dem Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Aber diese Schlussfolgerung wird nicht wieder mittels Deduktion überprüft. Man hatte persönliche Erlebnisse, die als negativ empfunden wurden, und natürlich möchte man sich nicht selbst die Schuld für diese negative Empfindung geben, sondern sucht sie bei anderen. Jetzt kommt jemand, der einem sagt, dass die Lösung, die man sich zurecht gelegt hat, um seine negative Empfindung zu erklären, keinen Sinn ergibt. Doch weil man sie aus einer persönlichen Angelegenheit heraus begründet hatte, fühlt man sich dadurch auch persönlich angegriffen. Und reagiert meist durch die oben beschriebenen Prozesse zur Auflösung kognitiver Dissonanz. Das macht das Internet zu einer Art weltweitem Stammtisch.

…und auch außerhalb der virtuellen Welt

Der Grundsatz, dass eine Meinung hinreichend begründet sein muss, wird hier also von den Menschen implizit in Frage gestellt. Zugleich bildet sich in diesem Prozessen aber nur eine gesamtgesellschaftliche Tendenz ab, Ursachen außerhalb zu suchen. Das klassische Beispiel ist natürlich, dass „der Lehrer blöd ist“ und nicht etwa man selbst zu faul war, wenn man eine schlechte Note schreibt. Sicher hat man den abgefragten Stoff nie im Unterricht durchgenommen oder wenn, dann konnte die Lehrkraft ihn nicht vernünftig vermitteln. Oder wenigstens war man ja eine Woche krank und hatte gar keine Chance, die Lerninhalte zu vertiefen oder gar das Buch zu lesen, das man seit einem Monat behandelt. Dass Eltern in der Schule in Gegenwart eines Anwalts vorsprechen, der Druck auf die Notengebenden ausüben soll, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Inzwischen setzt sich diese Tendenz sogar an den Universitäten fort. Welche Absurditäten man als Prüfungsbeauftragter inzwischen auf den Schreibtisch gelegt bekommt, ist manchmal kaum zu fassen. Da gibt es ein Vollplagiat und der Prüfling behauptet, die Dozentin habe ja nie deutlich gemacht, dass das nicht gestattet sei. Da werden Dozenten „Neid auf die großartige wissenschaftliche Leistung [der] Hausarbeit“ im zweiten Semester vorgeworfen. Oder wenigstens sei die aus Kulanz gewährte Nachkorrekturfrist von vier Wochen zu kurz gewesen, um auch nur ein Wort an dem abgegebenen Essay zu ändern.

Ob Frei.Wild-Forum oder wissenschaftlicher Text: Wir sollten vielleicht wieder einmal dazu übergehen, unsere Handlungen und unsere Positionen fundamental zu hinterfragen. Wenn wir sie dann auch außerhalb von Empfindungen und Einzelbeispielen begründen können, sollten wir sie behalten − und mit diesen Begründungen auf andere zugehen. Wenn wir dazu aber nicht in der Lage sind, sollten wir überlegen, ob nicht auch andere vielleicht recht haben könnten.

Alte Sprache im Schulunterricht

Was ich schreiben werde, ist sicher schon oft geschrieben worden, aber das ist ja in einem Blog weniger problematisch. Schon viele haben sich damit auseinandergesetzt und sind zu ähnlichen, anderen oder gegenteiligen Positionen gekommen. Ein kleiner Beitrag zur Debatte mag mir trotzdem erlaubt sein. Es geht um die Einbindung mittelhochdeutscher Texte im Schulunterricht. Sollen sie behandelt werden und wenn ja, wie?

Es ist offenkundig, dass die (deutsche) Literaturgeschichte nicht erst mit dem Barock beginnt, wieso also erst im 17. Jahrhundert beginnen? Doch die Jahrhunderte davor, in denen bereits in deutscher Sprache geschrieben und gedichtet wurde, sind aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden. Zu fremd wirken die Wörter, zu fremd wirkt die ganze Zeit, die in ihnen mitklingt. Dazu kommt eine seit Ende des zweiten Weltkriegs vermehrt durchgesetzte weitestgehend willkürliche Trennung der Germanistik in die neuere und die ältere Literatur. Das wirkt sich natürlich sowohl auf die Lehramtsausbildung als auch auf die Gestaltung des Schulunterrichts aus. Und so verschwanden im Laufe der Jahrzehnte der Unterrichtspläne der Bundesrepublik auch sukzessive Versepen und Heldensagen, bis zum heutigen Tage, an dem nur noch − wenn überhaupt − wenige Gedichte aus dem Hochmittelalter in der Schule gelesen werden.

Dabei ist es ja gerade Aufgabe des literarischen Deutschunterrichts, ein kulturelles Erbe zu konservieren und zu tradieren. Und das ist keineswegs ein Selbstzweck: So können bereits Schüler nicht nur für sprachliche, sondern auch für historische und geistesgeschichtliche Entwicklungen sensibilisiert werden. Es bleibt auch nach wie vor zu hoffen, dass die noch immer verfestigte Vorstellung des „finsteren Mittelalters“, wie sie sich in der auf Licht bedachten Aufklärung herausgebildet hat, die eine Kulturlosigkeit und Barbarei in dieser Zeit von etwa 600-1500 impliziert, bald der Vergangenheit angehören möge. Denn selbstverständlich war das europäische Mittelalter reich an Kultur und Literatur − und das keineswegs nur an geistlicher.

Nibelungenlied
Blatt der Handschrift C des Nibelungenliedes

Die größte Eingangshürde stellt dabei das wortwörtliche Verständnis der Texte dar, doch es sei immer beachtet: Es handelt sich hier nur um eine Sprachstufe des Deutschen, nicht um eine Fremdsprache. Wenn Schüler Spanisch, Englisch, Französisch, Latein, Griechisch, Italienisch, an manchen Schulen sogar Russisch, Japanisch oder Chinesisch bis zu einem gewissen Niveau lernen können, scheint es für sie auch zumutbar, unter entsprechender Anleitung alte deutschsprachige Texte zu lesen. Und so fremd ist diese Sprache gar nicht, besonders wenn man weiß, wie sie ausgesprochen wird. Doch auf den ersten Blick wirkt sie auf viele abschreckend. Ein Beispiel:

So chumet Christ der riche       vil gewaltichlichen,
der e tougen in die werlt quam: da sihet in wip unde man.
im ist sin scare vil breit,            wa er die versmacheit leit
von sinen vianden,        da wil er iz anden.

(Frau Ava: Das jüngste Gericht, V. 178ff.; hrsg. von Maurer 1966)

Doch damit dieser erste Eindruck nicht dazu führt, dass ein Leser das Buch gleich wieder zuschlägt, gibt es auch normalisierte Texte. Selbstverständlich ist die Normalisierung von Texten nicht unkritisch zu sehen. Doch kann eine solch komplizierte Thematik wie die (mediävistische) Editionsphilologie nicht hinreichend in der Schule behandelt werden und für den Schulunterricht können solche vereinheitlichenden Texteingriffe wichtige Dienste leisten. Dies alles unter der Voraussetzung, dass gleichzeitig thematisiert wird, dass so, wie der Text nun vorliegt, nicht tatsächlich geschrieben wurde, sondern dass er das Werk eines (hoffentlich wissenschaftlich ausgebildeten) Editors ist. Normalisierende Texte lassen sich also insgesamt auf einer ersten Ebene leichter lesen, wie hier z.B. eine Strophe von Heinrich von Morungen:

Owê, −
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagete ez.

(Friedrich von Hausen, MF 143,22)

Aber auch Wortbedeutungen wie etwa von geslaht (hier: ‚geartet‘) oder die diversen „falschen Freunde“, wie z.B. dicke (‚oft‘), degen (‚Held‘), bœse (’schwach‘, ’schlecht‘), wîp (meist wertneutral für ‚Frau‘) müssten im Unterricht zumindest kurz thematisiert werden, damit sich die Schüler den Texten nähern können.

Dietmar
Miniatur Dietmars von Aist aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift

Dazu kommt die Notwendigkeit der Beschäftigung mit dem Sprachwandel. Wenigstens mit dem Lautwandel sollte sich auf basaler Ebene befasst werden, damit die Einheitlichkeiten der Sprache erkannt werden können.

Jedoch ist die Zeit in der Schule stets begrenzt und die gesamte deutschsprachige Literaturgeschichte soll innerhalb weniger Schuljahre erarbeitet werden. Das ist natürlich ein hoffnungsloses Unterfangen, so dass eine starke Kanonisierung vorgenommen werden muss.

Für die mittelhochdeutsche Literatur bieten sich daher wohl vor allem kurze Texte an, etwa die Lyrik des Kürenbergers, Dietmars von Aist oder − meist weitaus schwieriger − Walthers von der Vogelweide. Doch sollte nicht nur die Minnelyrik, sondern besonders die Sangspruchdichtung, etwa des Spervogels behandelt werden, da sich hier gute Anschlüsse an Geistes- und mitunter auch Staatsgeschichte ergeben können. So kann im Unterrichtsgespräch nicht nur über die damaligen, sondern auch über die heutigen Gegebenheiten reflektiert werden.

Sinnvoll erscheint jedoch auch die Einbeziehung von Schwänken und anderer Kleinepik. Hier kann das gesellschaftlich vorgeprägte Bild des strengen, finsteren und christlichen Mittelalters hinterfragt werden. Dabei ist natürlich bei der Explizitheit der Texte auf das Alter der Schüler zu achten und von den priapeischen Mären sollte vielleicht eher abgesehen werden; das Opus des Strickers und der (spätmittelalterliche) Till Eulenspiegel bieten hier jedoch recht leicht verständliche Werke, die zudem auch Auszugsweise gelesen werden können.

Wenn es dann auch die Praxis untersagt, auf die wichtigen Großformen zurückzugreifen, wäre mit dem Einzug der kleineren literarischen Gattungen in den Oberstufenunterricht schon viel geholfen, das Literatur-, Kultur- und Sprachverständnis der heranwachsenden Generationen zu fördern.

Von wegen Zensur

In der heutigen Ausgabe der Zeit war auf dem Titelblatt zu lesen „Kinder, das sind keine Neger!“ Titelthema war das Umschreiben von Kinderbüchern nach heute weitgehend akzeptieren Regeln einer nicht-verletzenden Sprache. Im Dossier der Wochenzeitung konnte man dann drei Artikel und ein Interview lesen − oder vielmehr bestaunen. Denn trotz einiger kritischer Worte Ijoma Mangolds war der Tenor recht deutlich; polemisch zugespitzt könnte man die dort vertretende Meinung unter „Wir lassen uns unseren ‚Neger‘ nicht verbieten!“ zusammenfassen. Von Zensur war die Rede, von political correctness.

Zur Sachlage: Einige deutsche Kinderbuchverlage haben bereits vor Jahrzehnten angefangen, an den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) herumzubasteln. Andere beginnen nun langsam. Einerseits sollen so als verletzend empfundene Stereotype getilgt und heute Rassismus offenbarende Begriffe ersetzt werden. Andererseits will man auch Handlungen oder Wörter, die heute nicht mehr aktuell sind und nicht mehr verstanden werden, modifizieren. So sollen die Verkaufszahlen von Büchern wie Pippi Langstrumpf, Nils Holgersson, Die Unendliche Geschichte oder Jim Knopf hochgehalten werden. Natürlich kann man da nicht mehr von einem irgendwie autorintendierten Text ausgehen. Oder zusammengefasst: Die Texte werden zum einen aus ideologischen, zum anderen aus ökonomischen Gründen abgeändert. Aus editionswissenschaftlicher Sicht verböte sich natürlich beides, doch hier geht es um Leseausgaben für Kinder. Die Bücher sollen nicht einigen Wissenschaftlern zur Benutzung dienen, sondern vielen Kindern Freude und Anregung zur Kreativität und zur Erkundung der Welt bieten. Vielleicht muss also das Postulat, einen historisch existenten Text herstellen zu wollen, fallen.

pippi-in-taka-tuka-land
Reproduktion von Rassismen?

Trotzdem ist es gerade diese Erkundung der Welt, welche es schwierig macht, Begriffe wie „Neger“ im Text stehen zu lassen. Der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten sagt im Interview: „[Gegen Ende des vierten Lebensjahres] entdeckt das Kind, dass es eine eigene Innenwelt hat, die sich von der Innenwelt anderer und von der Außenwelt unterschiedet. In dieser Zeit entsteht eine Vorläuferform es Gewissens: ein Gefühl für Gut und Böse. Wenn die Eltern in dieser Phase Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz und Offenheit vorleben, ist sehr viel gewonnen. Sind die Eltern vorurteilsbeladen, wird sich auch das übertragen.“

Trotzdem ist Kasten offenbar Gegner von Texteingriffen in den Leseausgaben der Kinderbücher, denn: „In diesem Alter, denke ich, können Kinder auch nachvollziehen, dass das Wort ‚Neger‘ früher etwas anderes bedeutete als heute.“ Und da liegt genau das erste Problem: Die Bedeutung des Wortes hat sich nicht geändert, sondern die Interpretation der gesellschaftlichen Umstände, unter denen es benutzt wird. Wenn wir heute „Neger“ sagen, dann verweisen wir damit nicht nur auf ein Herrschaftsgefühl hellhäutiger Menschen, sondern auch auf die Rassentheorie und die Annahme einer „negriden Rasse“. Wir verweisen auf ästhetische Vorstellungen, Simplizität und „Natürlichkeit“, vielleicht auch auf die irrige Idee des „edlen Wilden“ oder den eurozentristischen Blick auf Kannibalismus. Das war der Rahmen, in dem der Begriff „Neger“ schon immer verwendet wurde − an diesen Konnotationen hat sich bis heute nichts geändert.

Hartmut Kasten sagt es selbst: „Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“ Und es ist sicher nicht allen Eltern zuzutrauen, ihren Kindern die komplexen Konnotationen des vielleicht unbekannten Worts „Neger“ zu erklären, denn dazu braucht man ein solches Weltwissen, das Kindern nicht abverlangt werden kann. Gerade wenn der Begriff „Neger“ für das Kind noch keine Bedeutungsebene trägt, dann ist es wichtig, wie er gefüllt wird. Wie ist es beispielsweise in der Kleinen Hexe von Ottfried Preußler, in der sich Kinder „als Neger und Türken“ verkleiden? Auch dieses Buch wird in der Zeit erwähnt, die Szenerie als harmlos bewertet. Doch kann das Verlachen von Andersartigkeit − dazu noch körperlicher − harmlos sein? Freilich: Es gibt Unterschiede in der Intensität, aber ein bestimmtes Bild wird den Kindern durch den Text trotzdem vermittelt.

Und wie steht es um die rassistischen Stereotype, wie sie gerade in Bildern reproduziert werden. Auch Bücher wie Mecki bei den Negerlein entstammen nicht dem 19. Jahrhundert, sondern sind nach den Erfahrungen des Faschismus in Europa produziert und mehrfach aufgelegt worden.

mecki
Natürlich landet der weiße Mann im Kochtopf…

Gleiches gilt auch für Comics. Besonders bei dem auch bei jüngerem Publikum beliebten Walt Disney finden sich zahlreiche Stereotypen, nicht nur was Aussehen, sondern auch was Verhalten und Sprache angeht. Dabei werden stets die gleichen Klischees wiederholt, dem Diskurs entnommen und wieder in ihn eingebracht. Auch hier fand in vielen Bereichen eine Überarbeitung statt und in neuesten Ausgaben wurden zumindest Sprach- und Handlungsstereotype verringert.

Rassismus Disney
Rassismen bei Disney-Zeichner Carl Barks

Kinderbücher beeinflussen Kinder gerade weil sich Kinder die Welt noch in vielen Aspekten nicht erschlossen haben und die KJL ihnen dabei Anhaltspunkte gibt. Diese können gesellschaftliche Gegebenheiten hinterfragen, soziale Ungerechtigkeiten und Hierarchien thematisieren. Sie können aber auch schlicht affirmativ sein − wie in den obigen Beispielen. Dass die Kinder- und Jugendliteratur einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Kinder in ihrem Verhältnis zu gesellschaftlichen Zuständen haben kann, war schon früh bekannt. Nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert, sondern auch im Kaiserreich wurde versucht, die Kinder durch Literatur auf die „richtige Linie“ zu bringen. Der Struwwelpeter ist eines der Werke schwarzer Pädagogik, die in Erinnerung geblieben sind. Hier verbrennen und verhungern Kinder, es wird verstümmelt und getötet. In dieser mit einprägsamen Reimen und drastischen Zeichnungen unterlegten Weise würde heute wohl kaum noch jemand seine Kinder erziehen wollen. Das Buch hält sich heute eher als Liebhaberstück und aufgrund der − im Gegensatz zu vielen anderen Werken jener Zeit − hohen literarischen Qualität. Als Buch für Kindergartenkinder taugt es freilich den gesellschaftlichen Idealen nach nicht mehr.

Und wie ist es mit anderen der KJL zur Zeit des Nationalsozialismus? Zum Beispiel jene Werke wie Ernst Hiemers Der Giftpilz. Nur einige Ewiggestrige würden vielleicht solche Bücher noch immer ihren Kindern geben. Die zum Glück sehr breite Mehrheit würde aber nicht im Traum darauf kommen, sie ihren Kleinkindern vorzulesen und diese die Bilder anschauen zu lassen. Dabei ist es im Bereich der bildlichen Darstellung nur ein gradueller Unterschied von Hiemer und Disney, die diskriminatorische und difamierende Praxis bleibt kategorial identisch. Nur ist es bei Büchern wie Der Giftpilz einziges Ziel, diese Stereotypen zu näheren und zu mehren, während sich die Diskurse bei Disney vermutlich weniger intentional einschreiben.

giftpilz01
Vorderdeckel und Illustration des Giftpilzes

Natürlich wurden nach der Lektüre dieses Machwerks nicht alle Kinder augenblicklich zu überzeugten Antisemiten. Dafür waren sicher mehrere Räder in der Sozialisationsmaschine notwendig. So wäre es auch heute nicht, schon gar nicht durch das Lesen Pippi Langstrumpfs oder Jim Knopfs. Doch ebenso unsinnig ist der Versuch Ulrich Greiners, die Kritik an Wortwahl und Reproduktion von Vorurteilen ad absurdum zu führen: Natürlich wird nicht aus jedem Lindgren-Leser ein Nazi-Skinhead. Doch der latente Rassismus in der Gesellschaft wird weiter unterfüttert. Die gesamtgesellschaftlich verankerten Denkweisen sind noch immer von rassistischen und antisemitischen Ideen geprägt: Die vermeintliche Kulturlosigkeit Afrikas, der Reichtum jüdischer Familien und die Hintertriebenheit Bewohner arabischer Länder sind beispielsweise fest im Denken der meisten Deutschen verwurzelt. Zwar wird oft betont, dass diese angenommene Wesensart oder Eigenschaft zwar nicht für alle Menschen der wie auch immer konstruierten Gruppe gelte, doch „die meisten“ sind es dann angeblich doch. Weiterführend sei hier auch verwiesen auf Rassismus in Gesellschaft und Sprache.

Insgesamt kann nur gesagt werden: Kinder bilden sich und ihre Welt vor allem durch Wahrnehmung und Sprache. Und die bekommen sie auch aus Büchern. Wenn wir weiter Bücher vorlesen wollen, weil uns die Geschichten gefallen, die aber aus einer Zeit stammen, in der andere moralische Werte und andere Menschenbilder vertreten wurden, müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen − sofern wir unser eigenes Menschenbild und unsere Moral für angebracht halten. Eine ewige Reproduktion der Ideen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kann keine Lösung sein. Aber diese Reproduktion liegt im Wort, in der Sprache, in der Kommunikation. Was bei einer Textausgabe zu Forschungszwecken nicht sein darf und auch in der Erwachsenenliteratur, wo die zeitliche und damit gesellschaftspolitische Einordnung von den Rezipienten besser vorgenommen werden kann, nicht vorkommen muss, kann in der Kinderliteratur geboten sein: Eingriffe in die ursprüngliche Form von Text und Bild. Damit sind die Rassismen reproduzierenden Texte nicht zensiert und nicht verschwunden, aber sie sind nicht mehr explizit für Kinder gedacht in jeder Buchhandlung zu kaufen.