Andreas Gryphius – Gedichte

GryphiusGedichteDie Gryphius-Forschung ist produktiv: Mehrere hundert Aufsätze, Monographien und Sammelbände sind zum Werk des schlesischen Autors seit den Jahr 2000 erschienen. Aber eine verlässliche Werkausgabe fehlt bis heute. Das ist besonders deshalb ein Problem, weil Gryphius stark kanonisiert ist, als einer der größten des deutschsprachigen Barocks, wenn nicht gar der ganzen Literaturgeschichte gilt und seine Gedichte bis heute – leider im Gegensatz zu seinen sehr unterhaltsamen Komödien und epochalen Trauerspielen – in der Schule gelesen werden. Dass der Reclam-Verlag hier mit einer historisch-kritischen Ausgabe Abhilfe schaffen würde, war natürlich nicht zu erwarten, aber dennoch ist das gelbe Bändchen mit einer Auswahl von Gedichten in vielfacher Hinsicht bemerkenswert.

Andreas Gryphius wurde 1616 in Glogau geboren. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges war er folglich ein kleines Kind und ohne diesen Umstand wäre insbesondere die Lyrik Gryphiusʼ nicht denkbar. Dreißig Jahre lang sorgte der Krieg in weiteren Teilen Zentraleuropas für Verheerung, die heute kaum noch vorstellbar sind. Zuerst kämpfen Katholiken gegen Protestanten, dann wurde aus dem Glaubenskrieg immer stärker ein politischer Konflikt, in dem sich schließlich Konfessionsbrüder gegenseitig für die Interessen ihrer Fürsten abschlachteten.

Städte wurden geplündert, die Frauen vergewaltigt, die Männer grausam getötet und wer überlebte, musste vielleicht wenige Monate später ansehen, wie andere Truppen das Zerstörten, was gerade wieder aufgebaut worden war. Allein Glogau wurde 1628 gewaltsam rekatholisiert, 1630 von den Protestanten eingenommen, 1633 wieder katholisch und 1642 vom protestantischen Schweden erobert. Dazu zogen brandschatzende Horden durch die Lande, die auf keiner Seite kämpften und versuchten, aus dem Chaos und Leid ihren Gewinn zu schlagen. Zugleich wüteten Pestepidemien, die diejenigen töteten, die die Massaker überlebt hatten. Dabei war das Weltbild der Menschen noch kein globalisiertes, wie wir es heute haben. Man kannte kaum das nächste Dorf oder gar Gegenden außerhalb seines eigenen Herzogtums. Was also im Chaos war, was unterging, war für die gottgläubigen Menschen ihre ganze Welt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass der gesamte Halt im Leben verloren ging. Diese Angst, das Leid und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges schreiben sich auch in die Lyrik Andreas Gryphiusʼ ein. Eindrucksvoll zeigt sich das am Beispiel einer Grabschrift, die er auf den Tod seiner Nichte als Neugeborenes geschrieben hat:

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An dem hier zitierten Gedicht wird ein Vorteil der Reclam-Ausgabe deutlich: Die Texte werden soweit wie möglich in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Es erfolgen keine Normalisierungen der Rechtschreibung, die Virgeln werden nicht durch Kommata ersetzt, auch die Supraskripta der Umlaute bleiben bestehen. So kann das Gedicht in einer historisch korrekten Form rezipiert werden und nicht in einer Variante, die sich ein späterer Herausgeber überlegt hat, um uns heutigen Lesern eine vermeintliche Hilfe zu bieten.

Die Fremdheit, die dieses Druckbild und auch die Wortwahl auf uns heute hat, lässt sich jedoch nicht leugnen und sie fordert ein gewisses Maß an Sprach- und Textkompetenz, das im heutigen Literaturunterricht leider durch den Einsatz modernisierter Ausgaben oft eher abtrainiert wird. Insofern ist es besonders begrüßenswert, dass Thomas Borgstedt mit seiner Reclam-Auswahlausgabe die Lyrik Andreas Gryphiusʼ nicht nur editorisch versiert und historisch korrekt herausgegeben hat, sondern auch in einer Form, in der sie vielleicht in Zukunft zur Grundlage der Barockstunden im Deutschunterricht wird.

Greift man nur bei offensichtlichen Druckfehlern ein, ist es für eine Leseausgabe aber zweifelsohne ratsam, einen erläuternden Kommentar beizufügen. Hier zeigt sich ein gewisser Schwachpunkt der Ausgabe, denn der Kommentar erläutert mitunter viele Stellen nicht, die sich dem heutigen Leser nicht unbedingt erschließen. Ein bekanntes Beispiel:

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In seinem Stellenkommentar weist Borgstedt als Begriffe nur nach: „Carthaun] schwere Kanone, ‚Viertelbüchse‘ […] Grauß] Trümmer“. Zumindest für Grauß ist der Nachweis zweifelsohne sinnvoll. Dafür fehlen jedoch einige Erläuterungen, ohne die man Stellen des Gedichtes heute womöglich falsch verstehen könnte oder zumindest nicht direkt versteht, was das Wort meint. So bedeutet frech bei Gryphius ‚mutig, kühn, kriegerisch‘, das vom Blutt fette Schwerdt ist ein Schwert, das vor lauter Blut tropft. Von Leichen fast verstopfft meint nicht, dass die Flüsse fast verstopft sind, sondern dass sie fest, vollständig verstopft sind, wie es bei der völligen Zerstörung Magdburgs 1631 der Fall gewesen sein soll. Borgstedt erwähnt außerdem mit keinem Wort die Apokalypse-Verweise, die sich durch das Sonett ziehen: die rasenden Posaunen, die umgekehrte Kirche als Auflösung der Weltordnung des Gottesreichs und vor allem Dreymal sind schon sechs Jahr als Zahl des Antichristen. Stattdessen schreibt er zu letzterer Stelle nur „18 Jahre seit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618“, was zweifelsfrei korrekt ist, aber eine zentrale Bedeutungsebene des Textes außer Acht lässt. Man lese das Gedicht mit diesem Wissen nochmals und der Eindruck wird sicher ein anderer sein.

Erfreulich ist, dass neben den großen Dichtungen über Tod und Schrecken seiner Zeit auch die weniger rezipierten Spottverse und Epigramme Eingang in die Auswahl finden. Gryphius zeigt sich hier von seiner ironischen Seite, die sonst kaum beachtet wird und mit der Leseausgabe vielleicht in eine zumindest etwas breitere Öffentlichkeit getragen wird.

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Ein lesenswertes Nachwort rundet die Ausgabe zusammen mit der aufschlussreichen editorischen Notiz, einer brauchbaren Auswahlbibliographie und einer manchmal recht groben Zeittafel der biographischen Umstände Gryphiusʼ ab.