Blogger schenken Lesefreude, erklärt Pereira

Gestern gab es eine Reiher jener Dinge, die man wohl „unvorhergesehene Ereignisse“ nennt. Ich bin darum nicht dazu gekommen, einen Artikel zum Welttag des Buches online zu stellen. Das war natürlich eigentlich ganz anders geplant, denn wie ich schon vor einigen Wochen bekannt gegeben habe, nehme ich an der Aktion Blogger schenken Lesefreude teil. Das soll natürlich vor allem wirklich Lesefreude vermitteln, aber ein bisschen Publicity für das eigene Blog erhofft man sich wohl auch. In dem Zusammenhang will ich auch noch kurz erwähnen, dass ich auch bei Facebook bin, wo ihr meine Seite gerne liken könnt, wenn ihr möchtet. Leider gibt es nicht viele Bloggende, die bei der Aktion Weltliteratur verlosen, oft sind es Werke aus den einschlägigen Bestsellerlisten, Fantasy oder Liebesromane. Das ist sicher vollkommen in Ordnung, trotzdem dachte ich, dass ich mit einigen anderen zusammen in eine eher anspruchsvolle Richtung einschlagen möchte. Zugleich sollte das Buch auch nicht so speziell sein, dass es nur von einem ganz kleinen Teil aller Alphabetisierten gewünscht wird. Und möglichst sollte es auch noch einen Wert außerhalb des rein Literarischen haben, spannend oder lustig sein. Zudem sollte es weder zu große Bekanntheit besitzen (Goethe: Faust) noch zu unbekannt (Sternheim: 1913) sein. Dieser Spagat in viele Richtungen war gar nicht so einfach wie gedacht. Aber nachdem ich ein paar Tage überlegt habe, ist mir doch noch ein geeignetes Werk eingefallen und so gibt es heute einen Roman des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi zu gewinnen: Erklärt Pereira.

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Tabucchi lässt sein Buch im Portugal des Jahres 1938 spielen. Seit fünf Jahren versteht sich der iberischen Staat als Estado Novo, eine faschistische Diktatur unter der Führung des ehemaligen Wirtschaftsprofessors António de Oliveira Salazar. Polizei und paramilitärische Milizen patroullieren in den Straßen Lissabons und verbreiten ein Klima der Angst und Unfreiheit. Besonders Kommunisten und Anarchisten sind seit dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs Repressionen ausgesetzt. Nicht so der Kulturredakteur Pereira, welcher für die Lisboa Artikel schreibt: Er ist nur am Rande von den Einschränkungen der Zensur betroffen und kümmert sich auch sonst wenig um die Politik, um die Gesellschaft, in welcher er lebt. Das ändert sich, als er eines Tages die Bekanntschaft des jungen Philosophieabsolventen Monteiro Rossi macht, der gegen das Regime kämpft und von den staatlichen Behörden verfolgt wird. Die beiden Männer freunden sich an und Pereira beginnt ein Stückchen aus seiner Lethargie zu entweichen, so dass er dem Verfolgten schließlich Unterschlupf bietet und selbst zum Ziel der faschistischen Repressionspolitik wird.

„Erklärt Pereira“ ist dabei ein Satz, der immer wieder fällt, eine Formulierung, die dem Untertitel des Romans gerecht wird: Eine Zeugenaussage. Ob es eine Aussage vor dem Tribunal ist oder ein nachträglicher, notierter Bericht im Rückblick auf den Estado Novo bleibt im Text selbst offen, auf jeden Fall ist es eine Innenperspektive aus einem diktatorischen Staat.

Was aus deutscher Perspektive manchmal für uns nachgeborene Generationen zwar immer gegenwärtig, aber auch deutlich entfernt scheint, war in Portugal noch weit bis in unser Jahrhundert hinein traurige Gegenwart. Erst am 25.04.1974 wurde mit der Nelkenrevolution der Faschismus besiegt und eine Aufarbeitung der Geschehnisse hat bis heute nicht zufriedenstellend stattgefunden. Das liegt sicher auch daran, dass der portugiesische Faschismus viel weniger nach außen gerichtet war, als es in Deutschland oder Italien der Fall gewesen ist. Zu leiden hatten vor allem die Menschen in Portugal und in den portugiesischen Kolonien. Die meisten Kolonien wurden nach Kriegen in den 1970er Jahren aufgegeben, doch Macao stand noch bis 1999 unter portugiesischer Verwaltung, Osttimor wurde sogar erst 2002 vollständig unabhängig.

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Die Thematisierung der portugiesischen Diktatur ist also noch immer hochaktuell, noch immer wichtig und notwendig. Erklärt Pereira ist eines der wenigen literarischen Werke, die sich mit dieser Epoche beschäftigen und internationalen Erfolg hatten. Ich verlose die dtv-Ausgabe der Übersetzung von Karin Fleischhandel. Damit es auch für alle barrierefrei ist, habe ich sie in Großdruck gewählt. Natürlich fällt der revolutionäre 25.04. noch mit in den Zeitraum, in dem ihr eure Kommentare hier hinterlassen könnt; bis um 23:59 Uhr des 28.04. könnt ihr euren Namen mit in den Auslosungstopf werfen. Verlost wird das Buch dann wie auf allen teilnehmenden Blogs der Aktion am 30.04. Wer Interesse an diesem beeindruckenden und wichtigen Roman hat, schreibe hier einfach einige Zeilen drunter, gerne auch eure eigene Meinung zur Aufarbeitung der europäischen Geschichte oder zur Gegenwart der Erinnerung an diese auch hier erst vor kurzem vergangenen Zeiten. Allen anderen möchte ich zumindest noch die 1998 erschienene Verfilmung ans Herz legen.

Weder frei noch wild – zum Umgang der österreichischen Medien mit Rechtsrock

Schmetterlingssammlung, ein neues Blog mit sehr durchdachten und gut recherchierten Texten, entwirft eine ungemein treffende und lesenswerte Analyse zu dem immer noch aktuellen und inzwischen auch in Österreich breiter diskutierten Thema ‚Frei.Wild‘. Das wollte ich euch nicht vorenthalten!

schmetterlingssammlung

Seine Figur ist komplementär zum Vorwurf der Zensur konzipiert, als populäre Phantasmagorie ist der ‚Gutmensch‘ der Akteur gefühlter Repression. Aufgrund seiner nie spezifizierten Macht kann der Rassist nicht mehr ungestört sagen, ‚Neger‘ seien alle faul, der Antisemit fürchtet einen Ordnungsruf für seine Ansicht, dass Juden ’schachern‘ und selbst die Bemerkung, Homosexualität sei ‚widernatürlich‘, kann wegen der Gutmenschen nur im Untergrund kursieren. Zur Unterdrückung des allgemeinen Menschenrechts auf diskriminierende Sprache setzt der Gutmensch seine schwerste Waffe ein: die Kritik. Daher wird sein Wirken gerne mit dem Dritten Reich oder der DDR gleichgesetzt, die demzufolge äußerst kritikfreudig gewesen sein müssen.
(Volker Weiß in „Deutschlands Neue Rechte“ über den Begriff des „Gutmenschen“)

Mit ein paar Monaten Verspätung hat die Rechtsrock-Debatte nun Österreich erreicht. Während Frei.Wild (gerade) am 9. November noch unbehelligt im Wiener Gasometer spielen durften, wurde nun ein geplantes Konzert in Wels abgesagt. In Graz wird immerhin darüber diskutiert. Als kleinen Verweis…

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Vom Aussetzen der Argumentation

Es ist ein eigenartiges Phänomen des Internets, dass Diskussionen schnell in Beleidigungen ausarten und dass gute, ja sogar zwingende Argumente von Diskussionsteilnehmern ignoriert werden. Eine sachliche Diskussion ist oftmals nicht möglich und als Beobachter gewinnt man in vielen Fällen den Eindruck, dass mindestens ein Diskutant, oftmals aber auch alle Beteiligten vollkommen aneinander vorbei reden. Wer wollte, könnte in diversen Blogs, aber besonders auf Facebook-Seiten und in Youtube-Kommentarspalten eine unendlich anmutende Fülle von Beispielen finden. Einen Artikel, der sich diesen Diskussionen eher auf der Ebene der Bedeutungszuschreibung nähert, hatte ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. In letzter Zeit ist besonders die Band Frei.Wild als Thema beliebt, wenn es um den Austausch semantisch reduzierter Sentenzen geht. Keine dieser Erscheinungen ist in dieser Intensität im Alltag außerhalb des Internets zu beobachten. Wie kann das sein?

Die Strukturen des Internets

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass bei vielen Rahmenbedingungen − etwa Facebook- und Youtube-Kommentare, aber natürlich auch Twitter − die Länge der Nachrichten explizit oder rezeptionsbedingt limitiert ist. Der Aufbau einer komplexen Argumentation ist hier gar nicht möglich. Weil aber auch in Foren und Blogs recht schnell ad hominem diskutiert wird und weil auch hier schlüssig und rhetorisch aufgebaute Argumentationen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, muss es weitere Gründe geben.

Internet Discussion

Diese sind sicher zum Teil in der partizipativen Struktur des Web 2.0 zu suchen: Alle können Mitreden. Ich brauche keine Qualifikation, um mich zu einem Thema zu äußern, wie es − zumindest meistens − der Fall ist, wenn ich im Fernsehen, der Printpresse oder in der Literatur mit meinen Positionen zitiert und rezipiert werden möchte. Diese Nicht-Qualifikation spiegelt sich dann auch in den entsprechenden Debattenbeiträgen wider. Vor allem das Ausgehen von fragwürdigen Prämissen ist dabei beliebt. Die eigene Position fundamental zu hinterfragen und auch an den Axiomen zu rütteln, wenn es Grund dafür gibt, ist zur Seltenheit verkommen. Wenn aber z.B. die vertretenen Grundannahmen schon in einem Widerspruch zur gängigen Forschungsmeinung, so es sie denn gibt, stehen und diese Abweichung nicht einmal begründet werden kann, ist es natürlich nicht möglich, eine sinnvolle und andere überzeugende Argumentation auf ihnen aufzubauen.

Wir brauchen positive Selbstkonzepte

Im Beispiel Frei.Wild sieht man das an Kommentaren wie „freiwild sagt selbst, dass sie gegen rechts sind also könen sie ja wohl keine nazis sein“. Offenbar liegt diesem Satz die fragwürdige Annahme zugrunde, dass eine Aussage über das eigene Selbst bzw. das eigene Wesen nicht falsch sein kann. Das beanspruchen offenbar auch die Autoren dieser Kommentare für sich, und damit nähern wir uns auch schon einem Kern des Problems: positive Selbstkonzepte.

Ich selbst bin Geisteswissenschaftler und kein Psychologe, aber für die Rezeption der (meist etwas obskuren) psychoanalytischen Literaturwissenschaft musste ich mir ein paar psychologische Grundkenntnisse anlesen, so dass ich zumindest ein wenig zu dem Thema sagen kann. Um es ganz platt zu machen: Damit wir mit dem Leben klar kommen, brauchen wir ein positives Bild von uns selbst. Wir haben ein Konzept davon, welche Vorstellungen wir haben und gehen davon aus, dass unsere Handlungen diesen Überzeugungen entsprechen. Bekommen wir von unserer Umwelt, also vorzüglich unseren Mitmenschen, anderweitige Rückmeldungen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese muss jedoch aufgelöst werden, damit unser positives Selbstkonzept nicht in Gefahr gerät. Eine Möglichkeit dazu ist, Handlungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Eine andere ist es, die Ursachen für die Dissonanz bei anderen oder in Sachzwängen zu suchen. Im Internet ist gerade dieses Abweisen der Verantwortlichkeit besonders einfach, weil ich die Menschen, mit denen ich diskutiere, in der Regel nicht persönlich kenne: „Ach, das sind nur irgendwelche Idioten aus dem Internet! Wie kann man nur so arrogant sein?!“, „Die werfen mir das vor? Die wissen ja nicht mal wovon sie reden! Immer diese Trolle! Ich hingegen, ich habe Ahnung von dem Thema, nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung!“


Ein nettes Video, das die kognitive Dissonanz thematisiert

Dazu kommt, dass das Internet für einige Menschen die Möglichkeit bietet, ein neues Selbstkonzept zu erstellen. Wenn sie ihr positives Selbstbild in der Welt außerhalb des Internets verloren haben oder nur durch Isolation aufrecht erhalten konnten, reagieren sie umso heftiger, wenn sie im Internet ähnlich gelautete Rückmeldungen auf ihre (sprachlichen) Handlungen erhalten. Diese Reaktion kann sich in Ablehnung und Aggression ausdrücken und damit ein ad hominem oder tu quoque begründen.

Das Internet, ein weltweiter Stammtisch

Besonders wenn eine solche persönliche Verwicklung gegeben ist, fließen emotionale Aspekte stark in die Argumentation ein, was sie rational meist kaum noch nachvollziehbar werden lässt. Sie erhält dann Stammtischniveau im Stile von:

A: Also ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber diese Zigeuner…nee, so schlecht erzogene Kinder haben die!

B: Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass alle Sinti und Roma keine Kindererziehung bewerkstelligen können…

A: Also ich hab mal neben einer Zigeunerfamilie gewohnt und die Kinder waren den ganzen Tag laut und haben im Garten und Flur gerufen und die Türen geknallt. Sogar am Sonntag! Da kannste mir sagen, was du willst, die Zigeuner können ihre Kinder einfach nicht erziehen!

Was hier geschieht, ist natürlich eine induktive Argumentation par excellence. Aus dem Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Aber diese Schlussfolgerung wird nicht wieder mittels Deduktion überprüft. Man hatte persönliche Erlebnisse, die als negativ empfunden wurden, und natürlich möchte man sich nicht selbst die Schuld für diese negative Empfindung geben, sondern sucht sie bei anderen. Jetzt kommt jemand, der einem sagt, dass die Lösung, die man sich zurecht gelegt hat, um seine negative Empfindung zu erklären, keinen Sinn ergibt. Doch weil man sie aus einer persönlichen Angelegenheit heraus begründet hatte, fühlt man sich dadurch auch persönlich angegriffen. Und reagiert meist durch die oben beschriebenen Prozesse zur Auflösung kognitiver Dissonanz. Das macht das Internet zu einer Art weltweitem Stammtisch.

…und auch außerhalb der virtuellen Welt

Der Grundsatz, dass eine Meinung hinreichend begründet sein muss, wird hier also von den Menschen implizit in Frage gestellt. Zugleich bildet sich in diesem Prozessen aber nur eine gesamtgesellschaftliche Tendenz ab, Ursachen außerhalb zu suchen. Das klassische Beispiel ist natürlich, dass „der Lehrer blöd ist“ und nicht etwa man selbst zu faul war, wenn man eine schlechte Note schreibt. Sicher hat man den abgefragten Stoff nie im Unterricht durchgenommen oder wenn, dann konnte die Lehrkraft ihn nicht vernünftig vermitteln. Oder wenigstens war man ja eine Woche krank und hatte gar keine Chance, die Lerninhalte zu vertiefen oder gar das Buch zu lesen, das man seit einem Monat behandelt. Dass Eltern in der Schule in Gegenwart eines Anwalts vorsprechen, der Druck auf die Notengebenden ausüben soll, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Inzwischen setzt sich diese Tendenz sogar an den Universitäten fort. Welche Absurditäten man als Prüfungsbeauftragter inzwischen auf den Schreibtisch gelegt bekommt, ist manchmal kaum zu fassen. Da gibt es ein Vollplagiat und der Prüfling behauptet, die Dozentin habe ja nie deutlich gemacht, dass das nicht gestattet sei. Da werden Dozenten „Neid auf die großartige wissenschaftliche Leistung [der] Hausarbeit“ im zweiten Semester vorgeworfen. Oder wenigstens sei die aus Kulanz gewährte Nachkorrekturfrist von vier Wochen zu kurz gewesen, um auch nur ein Wort an dem abgegebenen Essay zu ändern.

Ob Frei.Wild-Forum oder wissenschaftlicher Text: Wir sollten vielleicht wieder einmal dazu übergehen, unsere Handlungen und unsere Positionen fundamental zu hinterfragen. Wenn wir sie dann auch außerhalb von Empfindungen und Einzelbeispielen begründen können, sollten wir sie behalten − und mit diesen Begründungen auf andere zugehen. Wenn wir dazu aber nicht in der Lage sind, sollten wir überlegen, ob nicht auch andere vielleicht recht haben könnten.