Woyzeck – Büchners Geburtstagsmagazin

Woyzeck

Die aktuelle Ausgabe von
Das Buch als Magazin

Am 17. Oktober vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller, Arzt und Sozialrevolutionär Georg Büchner geboren. Zur Feier dieses Tages erschien heute das zweite Heft von Das Buch als Magazin – diesmal mit einer Ausgabe von Büchners Woyzeck.

Wer von diesem Magazin noch nichts gehört hat, dem sei das Konzept kurz erklärt: Veröffentlicht werden kanonische Texte der deutschen Literatur in einem Magazinformat. Am Seitenrand des literarischen Werks stehen Anmerkungen und Interpretationsskizzen. Die Texte werden durch Reportagen, Fotoserien und Artikel ergänzt, welche zwischen der Gegenwart und dem literarischen Text Bezüge herstellen sollen. Auch wenn man hier schon Kritik anbringen könnte (Liegt die Wertigkeit von literarischen Texten nur in ihrem Gegenwartsbezug? Ist es eine sinnvolle Herangehensweise, Literatur auf eine oder mehrere Aussagen zu reduzieren?): Ein sicherlich interessantes Konzept und so hatte ich mir auch bereits die erste Ausgabe (Franz Kafka: Die Verwandlung) zu Beginn des Jahres 2013 zugelegt. Leider wurde ich insbesondere von der Einrichtung des Textes enttäuscht, denn „Der Originaltext von Franz Kafka“, wie ihn das Titelblatt des Magazins anpries, war es sicher nicht, den ich zu lesen bekam. Mit einer Nachfrage bei der Redaktion erhielt ich die freundliche, aber zugleich ernüchternde E-Mail, dass man den Text nach zwei verschiedenen Internetseiten herausgegeben, aber immerhin nochmals mit einem Reprint der Erstausgabe verglichen hatte. Für ein Magazin, das literarische Texte in den Mittelpunkt stellen möchte, hatte ich mir da einen größeren Stellenwert des Autortextes gewünscht, etwa indem man nach der FKA ediert. Gerade bei Franz Kafka wäre eine Thematisierung wichtig gewesen, da die meisten Texte, die wir heute noch zu lesen bekommen, die nachträglichen Bearbeitungen von Max Brod sind.

Die Idee hielt ich trotzdem weiter für unterstützenswert und umso gespannter war ich, also vor einigen Tagen das neue Heft in meinen Briefkasten flatterte. Wie macht sich also nun die zweite Ausgabe des Magazins? Zweifelsohne gut. Kleinigkeiten wurden positiv verändert – es ist inzwischen zum Beispiel nicht mehr von „Geschichten aus dem Alltag“, die zum Text passen, sondern von „Geschichten aus der Gegenwart“ die Rede – und das auch in der ersten Ausgabe bereits edle Design ergibt im zweiten Heft ein außerordentlich stimmiges Gesamtbild. Erfreulich ist auch, dass diesmal mit der Münchener Ausgabe von 1979/1980 eine zitationsfähige Ausgabe als Textvorlage gewählt wurde und dazu der Fragmentcharakter des Woyzeck explizit thematisiert wird. Natürlich hätte man auch gleich auf die aktuelle Marburger Ausgabe zurückgreifen können, die den derzeitigen Forschungsstand repräsentiert, aber es zeigt sich eben, dass die beiden Herausgeber der Zeitschrift sich mit viel Liebe und Passion damit beschäftigen, wie ihr Magazin aussehen soll, und dabei auch kritische Anmerkungen der Leserschaft produktiv aufnehmen.

Auch die Beiträge in der Oktober-Ausgabe sind vielfältig. Peter Wagner schreibt in 60 Punkten über deutsche Frauen, die Angehörige der US-Armee heiraten und interviewt einige Seiten später die Psychiaterin Ulrike Schmidt zu Traumata. Felicitas Hoppe reflektiert über die Bedeutung von Woyzeck und Alban Bergs Wozzeck. Emma Kisiel schießt Photos von toten Tieren, die sie in offenen Gräbern bestattet hat. Und unter dem Pseudonym John Francis Calligan schreibt ein Diplomat über selbst erlebte kulturelle und ökonomische Differenzen. Letzterer Text ist in englischer Sprache verfasst und nicht übersetzt, was gerade bei diesem Thema als Glücksgriff gelten kann. Es stellt sich damit aber auch die Frage, an wen sich Das Buch als Magazin eigentlich richten soll. Recht weit reichende Kenntnisse des Englischen werden offenbar vorausgesetzt, auch die künstlerische Gestaltung mit moderner Photographie weist eher auf eine Zielgruppe in höheren Bildungsschichten hin, vielleicht sogar auf eine akademische Klientel. Nicht zuletzt sollten die Leser bei einem sicher angemessenen, aber trotzdem nicht besonders wohlfeilen Preis von 12€ finanzkräftig sein. Es geht also letztlich nicht darum, dass viele Menschen „gute Literatur“ kennen lernen, sondern um ein relativ luxuriöses Produkt für eine Minderheit, die dann, wie es im Editorial des Erstlings steht, alte Texte neu lesen kann. Das ist immer noch eine schöne Idee mit einer anmutigen Umsetzung, allerdings bleibt es dann fraglich, weshalb man für die Ausgaben Texte wählt, die den meisten dieser Menschen ohnehin aus der Schule oder ihrer sonstigen Allgemeinbildung bekannt sein dürften. Es wird sicherlich nicht leicht, mit diesem Konzept auf Dauer bestehen zu können, weil man sich nicht nur in Konkurrenz mit anderen Zeitschriften, sondern vor allem mit den großen Klassikerverlagen begibt. Aber bei der Kreativität der Redaktion mache ich mir keine Sorgen und bin zuversichtlich, dass wir noch viele Ausgaben des Magazins in den Händen halten können. Wir dürfen gespannt sein, was uns das nächste Heft für Neuigkeiten zu den alten Texten offeriert.

Andreas Gryphius – Gedichte

GryphiusGedichteDie Gryphius-Forschung ist produktiv: Mehrere hundert Aufsätze, Monographien und Sammelbände sind zum Werk des schlesischen Autors seit den Jahr 2000 erschienen. Aber eine verlässliche Werkausgabe fehlt bis heute. Das ist besonders deshalb ein Problem, weil Gryphius stark kanonisiert ist, als einer der größten des deutschsprachigen Barocks, wenn nicht gar der ganzen Literaturgeschichte gilt und seine Gedichte bis heute – leider im Gegensatz zu seinen sehr unterhaltsamen Komödien und epochalen Trauerspielen – in der Schule gelesen werden. Dass der Reclam-Verlag hier mit einer historisch-kritischen Ausgabe Abhilfe schaffen würde, war natürlich nicht zu erwarten, aber dennoch ist das gelbe Bändchen mit einer Auswahl von Gedichten in vielfacher Hinsicht bemerkenswert.

Andreas Gryphius wurde 1616 in Glogau geboren. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges war er folglich ein kleines Kind und ohne diesen Umstand wäre insbesondere die Lyrik Gryphiusʼ nicht denkbar. Dreißig Jahre lang sorgte der Krieg in weiteren Teilen Zentraleuropas für Verheerung, die heute kaum noch vorstellbar sind. Zuerst kämpfen Katholiken gegen Protestanten, dann wurde aus dem Glaubenskrieg immer stärker ein politischer Konflikt, in dem sich schließlich Konfessionsbrüder gegenseitig für die Interessen ihrer Fürsten abschlachteten.

Städte wurden geplündert, die Frauen vergewaltigt, die Männer grausam getötet und wer überlebte, musste vielleicht wenige Monate später ansehen, wie andere Truppen das Zerstörten, was gerade wieder aufgebaut worden war. Allein Glogau wurde 1628 gewaltsam rekatholisiert, 1630 von den Protestanten eingenommen, 1633 wieder katholisch und 1642 vom protestantischen Schweden erobert. Dazu zogen brandschatzende Horden durch die Lande, die auf keiner Seite kämpften und versuchten, aus dem Chaos und Leid ihren Gewinn zu schlagen. Zugleich wüteten Pestepidemien, die diejenigen töteten, die die Massaker überlebt hatten. Dabei war das Weltbild der Menschen noch kein globalisiertes, wie wir es heute haben. Man kannte kaum das nächste Dorf oder gar Gegenden außerhalb seines eigenen Herzogtums. Was also im Chaos war, was unterging, war für die gottgläubigen Menschen ihre ganze Welt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass der gesamte Halt im Leben verloren ging. Diese Angst, das Leid und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges schreiben sich auch in die Lyrik Andreas Gryphiusʼ ein. Eindrucksvoll zeigt sich das am Beispiel einer Grabschrift, die er auf den Tod seiner Nichte als Neugeborenes geschrieben hat:

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An dem hier zitierten Gedicht wird ein Vorteil der Reclam-Ausgabe deutlich: Die Texte werden soweit wie möglich in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Es erfolgen keine Normalisierungen der Rechtschreibung, die Virgeln werden nicht durch Kommata ersetzt, auch die Supraskripta der Umlaute bleiben bestehen. So kann das Gedicht in einer historisch korrekten Form rezipiert werden und nicht in einer Variante, die sich ein späterer Herausgeber überlegt hat, um uns heutigen Lesern eine vermeintliche Hilfe zu bieten.

Die Fremdheit, die dieses Druckbild und auch die Wortwahl auf uns heute hat, lässt sich jedoch nicht leugnen und sie fordert ein gewisses Maß an Sprach- und Textkompetenz, das im heutigen Literaturunterricht leider durch den Einsatz modernisierter Ausgaben oft eher abtrainiert wird. Insofern ist es besonders begrüßenswert, dass Thomas Borgstedt mit seiner Reclam-Auswahlausgabe die Lyrik Andreas Gryphiusʼ nicht nur editorisch versiert und historisch korrekt herausgegeben hat, sondern auch in einer Form, in der sie vielleicht in Zukunft zur Grundlage der Barockstunden im Deutschunterricht wird.

Greift man nur bei offensichtlichen Druckfehlern ein, ist es für eine Leseausgabe aber zweifelsohne ratsam, einen erläuternden Kommentar beizufügen. Hier zeigt sich ein gewisser Schwachpunkt der Ausgabe, denn der Kommentar erläutert mitunter viele Stellen nicht, die sich dem heutigen Leser nicht unbedingt erschließen. Ein bekanntes Beispiel:

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In seinem Stellenkommentar weist Borgstedt als Begriffe nur nach: „Carthaun] schwere Kanone, ‚Viertelbüchse‘ […] Grauß] Trümmer“. Zumindest für Grauß ist der Nachweis zweifelsohne sinnvoll. Dafür fehlen jedoch einige Erläuterungen, ohne die man Stellen des Gedichtes heute womöglich falsch verstehen könnte oder zumindest nicht direkt versteht, was das Wort meint. So bedeutet frech bei Gryphius ‚mutig, kühn, kriegerisch‘, das vom Blutt fette Schwerdt ist ein Schwert, das vor lauter Blut tropft. Von Leichen fast verstopfft meint nicht, dass die Flüsse fast verstopft sind, sondern dass sie fest, vollständig verstopft sind, wie es bei der völligen Zerstörung Magdburgs 1631 der Fall gewesen sein soll. Borgstedt erwähnt außerdem mit keinem Wort die Apokalypse-Verweise, die sich durch das Sonett ziehen: die rasenden Posaunen, die umgekehrte Kirche als Auflösung der Weltordnung des Gottesreichs und vor allem Dreymal sind schon sechs Jahr als Zahl des Antichristen. Stattdessen schreibt er zu letzterer Stelle nur „18 Jahre seit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618“, was zweifelsfrei korrekt ist, aber eine zentrale Bedeutungsebene des Textes außer Acht lässt. Man lese das Gedicht mit diesem Wissen nochmals und der Eindruck wird sicher ein anderer sein.

Erfreulich ist, dass neben den großen Dichtungen über Tod und Schrecken seiner Zeit auch die weniger rezipierten Spottverse und Epigramme Eingang in die Auswahl finden. Gryphius zeigt sich hier von seiner ironischen Seite, die sonst kaum beachtet wird und mit der Leseausgabe vielleicht in eine zumindest etwas breitere Öffentlichkeit getragen wird.

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Ein lesenswertes Nachwort rundet die Ausgabe zusammen mit der aufschlussreichen editorischen Notiz, einer brauchbaren Auswahlbibliographie und einer manchmal recht groben Zeittafel der biographischen Umstände Gryphiusʼ ab.

Verlosung zum Welttag des Buches

Heute gibt es einen sehr kurzer Blog-Eintrag, denn gerade hat sich entschieden, wer Erklärt Pereira erhält. Ich habe alle Kommentare nach Einsendedatum nummeriert und dann das Los entscheiden lassen (über random.org). Herausgekommen ist im Endeffekt Buchpost, was mich persönlich auch sehr freut, weil Anna da ein wirklich lesenswertes Blog schreibt, das sich alle, die es noch nicht getan haben, vormerken sollten. Insofern bleibt mir erstmal nichts anderes, als meinen herzlichen Glückwunsch auszusprechen!

Die E-Mail ist schon rausgegangen. Wenn nicht binnen 48 Stunden eine Antwort erfolgt, wird eine neue Person für den Gewinn ausgelost.

Blogger schenken Lesefreude, erklärt Pereira

Gestern gab es eine Reiher jener Dinge, die man wohl „unvorhergesehene Ereignisse“ nennt. Ich bin darum nicht dazu gekommen, einen Artikel zum Welttag des Buches online zu stellen. Das war natürlich eigentlich ganz anders geplant, denn wie ich schon vor einigen Wochen bekannt gegeben habe, nehme ich an der Aktion Blogger schenken Lesefreude teil. Das soll natürlich vor allem wirklich Lesefreude vermitteln, aber ein bisschen Publicity für das eigene Blog erhofft man sich wohl auch. In dem Zusammenhang will ich auch noch kurz erwähnen, dass ich auch bei Facebook bin, wo ihr meine Seite gerne liken könnt, wenn ihr möchtet. Leider gibt es nicht viele Bloggende, die bei der Aktion Weltliteratur verlosen, oft sind es Werke aus den einschlägigen Bestsellerlisten, Fantasy oder Liebesromane. Das ist sicher vollkommen in Ordnung, trotzdem dachte ich, dass ich mit einigen anderen zusammen in eine eher anspruchsvolle Richtung einschlagen möchte. Zugleich sollte das Buch auch nicht so speziell sein, dass es nur von einem ganz kleinen Teil aller Alphabetisierten gewünscht wird. Und möglichst sollte es auch noch einen Wert außerhalb des rein Literarischen haben, spannend oder lustig sein. Zudem sollte es weder zu große Bekanntheit besitzen (Goethe: Faust) noch zu unbekannt (Sternheim: 1913) sein. Dieser Spagat in viele Richtungen war gar nicht so einfach wie gedacht. Aber nachdem ich ein paar Tage überlegt habe, ist mir doch noch ein geeignetes Werk eingefallen und so gibt es heute einen Roman des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi zu gewinnen: Erklärt Pereira.

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Tabucchi lässt sein Buch im Portugal des Jahres 1938 spielen. Seit fünf Jahren versteht sich der iberischen Staat als Estado Novo, eine faschistische Diktatur unter der Führung des ehemaligen Wirtschaftsprofessors António de Oliveira Salazar. Polizei und paramilitärische Milizen patroullieren in den Straßen Lissabons und verbreiten ein Klima der Angst und Unfreiheit. Besonders Kommunisten und Anarchisten sind seit dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs Repressionen ausgesetzt. Nicht so der Kulturredakteur Pereira, welcher für die Lisboa Artikel schreibt: Er ist nur am Rande von den Einschränkungen der Zensur betroffen und kümmert sich auch sonst wenig um die Politik, um die Gesellschaft, in welcher er lebt. Das ändert sich, als er eines Tages die Bekanntschaft des jungen Philosophieabsolventen Monteiro Rossi macht, der gegen das Regime kämpft und von den staatlichen Behörden verfolgt wird. Die beiden Männer freunden sich an und Pereira beginnt ein Stückchen aus seiner Lethargie zu entweichen, so dass er dem Verfolgten schließlich Unterschlupf bietet und selbst zum Ziel der faschistischen Repressionspolitik wird.

„Erklärt Pereira“ ist dabei ein Satz, der immer wieder fällt, eine Formulierung, die dem Untertitel des Romans gerecht wird: Eine Zeugenaussage. Ob es eine Aussage vor dem Tribunal ist oder ein nachträglicher, notierter Bericht im Rückblick auf den Estado Novo bleibt im Text selbst offen, auf jeden Fall ist es eine Innenperspektive aus einem diktatorischen Staat.

Was aus deutscher Perspektive manchmal für uns nachgeborene Generationen zwar immer gegenwärtig, aber auch deutlich entfernt scheint, war in Portugal noch weit bis in unser Jahrhundert hinein traurige Gegenwart. Erst am 25.04.1974 wurde mit der Nelkenrevolution der Faschismus besiegt und eine Aufarbeitung der Geschehnisse hat bis heute nicht zufriedenstellend stattgefunden. Das liegt sicher auch daran, dass der portugiesische Faschismus viel weniger nach außen gerichtet war, als es in Deutschland oder Italien der Fall gewesen ist. Zu leiden hatten vor allem die Menschen in Portugal und in den portugiesischen Kolonien. Die meisten Kolonien wurden nach Kriegen in den 1970er Jahren aufgegeben, doch Macao stand noch bis 1999 unter portugiesischer Verwaltung, Osttimor wurde sogar erst 2002 vollständig unabhängig.

pereira

Die Thematisierung der portugiesischen Diktatur ist also noch immer hochaktuell, noch immer wichtig und notwendig. Erklärt Pereira ist eines der wenigen literarischen Werke, die sich mit dieser Epoche beschäftigen und internationalen Erfolg hatten. Ich verlose die dtv-Ausgabe der Übersetzung von Karin Fleischhandel. Damit es auch für alle barrierefrei ist, habe ich sie in Großdruck gewählt. Natürlich fällt der revolutionäre 25.04. noch mit in den Zeitraum, in dem ihr eure Kommentare hier hinterlassen könnt; bis um 23:59 Uhr des 28.04. könnt ihr euren Namen mit in den Auslosungstopf werfen. Verlost wird das Buch dann wie auf allen teilnehmenden Blogs der Aktion am 30.04. Wer Interesse an diesem beeindruckenden und wichtigen Roman hat, schreibe hier einfach einige Zeilen drunter, gerne auch eure eigene Meinung zur Aufarbeitung der europäischen Geschichte oder zur Gegenwart der Erinnerung an diese auch hier erst vor kurzem vergangenen Zeiten. Allen anderen möchte ich zumindest noch die 1998 erschienene Verfilmung ans Herz legen.

Weder frei noch wild – zum Umgang der österreichischen Medien mit Rechtsrock

Schmetterlingssammlung, ein neues Blog mit sehr durchdachten und gut recherchierten Texten, entwirft eine ungemein treffende und lesenswerte Analyse zu dem immer noch aktuellen und inzwischen auch in Österreich breiter diskutierten Thema ‚Frei.Wild‘. Das wollte ich euch nicht vorenthalten!

schmetterlingssammlung

Seine Figur ist komplementär zum Vorwurf der Zensur konzipiert, als populäre Phantasmagorie ist der ‚Gutmensch‘ der Akteur gefühlter Repression. Aufgrund seiner nie spezifizierten Macht kann der Rassist nicht mehr ungestört sagen, ‚Neger‘ seien alle faul, der Antisemit fürchtet einen Ordnungsruf für seine Ansicht, dass Juden ’schachern‘ und selbst die Bemerkung, Homosexualität sei ‚widernatürlich‘, kann wegen der Gutmenschen nur im Untergrund kursieren. Zur Unterdrückung des allgemeinen Menschenrechts auf diskriminierende Sprache setzt der Gutmensch seine schwerste Waffe ein: die Kritik. Daher wird sein Wirken gerne mit dem Dritten Reich oder der DDR gleichgesetzt, die demzufolge äußerst kritikfreudig gewesen sein müssen.
(Volker Weiß in „Deutschlands Neue Rechte“ über den Begriff des „Gutmenschen“)

Mit ein paar Monaten Verspätung hat die Rechtsrock-Debatte nun Österreich erreicht. Während Frei.Wild (gerade) am 9. November noch unbehelligt im Wiener Gasometer spielen durften, wurde nun ein geplantes Konzert in Wels abgesagt. In Graz wird immerhin darüber diskutiert. Als kleinen Verweis…

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Vom Weglegen der Bücher − Glennkill. Ein Schafskrimi

Selten kommt es vor, dass ich die Lektüre von Büchern abbreche. Denn meist suche ich mir jene Werke aus der Unmenge von Erscheinungen aller Jahrhunderte heraus, die ich aus Gründen für lesenswert halte. Manchmal ist es aber auch ein Fehlgriff, der passiert. So etwa bei Glennkill. Ein Schafskrimi von Leonie Swann.

Das Buch ist bekannt, wurden doch mehrere Millionen Exemplare verkauft, und die Autorin hat nach diesem Erfolg weiter im neuen Subgenre des Schafkrimis getextet. Dass Quantität aber nicht immer ein Merkmal für literarische Qualität sein muss, wird spätestens nach dem Erfolg der zahlreichen Vampir-Romane den meisten Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen, klar geworden sein. Entsprechend kritisch war ich auch, als mir der Kriminalroman mit den tierischen Protagonisten ans Herz gelegt wurde. Doch von einer studierten − inzwischen sogar promovierten − Literaturwissenschaftlerin glaubte ich doch, einen anspielungsreichen und spannenden Roman erwarten zu dürfen. Spannend nicht zuletzt, weil ihr schriftstellerisches Debut auch in den Feuilletons und Literaturmagazinen überwiegend positiv aufgenommen wurde.

Erfolgsversprechend ließ sich Glennkill auch an, werden doch vor das erste Kapitel die „Dramatis Oves“ gestellt, was mich zum Schmunzeln veranlasst hat. Auch einige der Namen wie Miss Maple („ist das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt“), Melmoth („ein legendärer verschwundener Widder“) oder Othello („ein schwarzer Hebridean-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit“) sind zumindest kurzweilig und verweisen sofort zu Begin auf intertextuelle Bezüge, die es tatsächlich in dem Buch hin und wieder gibt. Doch leider bleibt der Roman auf dieser rein nominellen Anspielungsebene und verbindet sich nicht mit anderen zu einem komplexeren Geflecht.

Glennkill

Auch auf der Handlungsebene wird eigentlich nur ein einfaches und dazu nicht besonders innovatives Thema variiert: Die Distanzierung zur eigenen Perspektive. Die Schafe im Roman erklären sich die Welt anders als die Menschen es tun. Sie nehmen sie anders wahr, setzen andere Bedeutungsschwerpunkte und bringen ihre Wahrnehmungen in andere Zusammenhänge. Da man selbst als Leser jedoch ein Mensch ist, wird man so auf seine eigene Wahrnehmung gestoßen und beginnt, sie zu reflektieren. Das ist eine nette Idee, die es in der Weltliteratur schon vielfach gegeben hat, wenn auch nicht in dieser animalisch-komödiantischen Weise.

Als die Schafe eines Tages ihren Schäfer tot und von einem Spaten aufgespießt entdecken, beschließen sie, den Täter zu finden. Dabei dringen sie mehr in die Welt der Menschen ein und teilen sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit den Zweibeinern mit. Das führt eben aufgrund dieser Perspektivverschiebung ohne Frage zu lustigen Textstellen, etwa wenn ein Schaf feststellt, dass es den Priester schon einmal gesehen hat.

„[…] Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. ‚Willkommen im Hause Gottes!‘ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.“ Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.
„‚Gott‘ heißt er also“, sagte Sir Ritchfield.
Othello machte ein seltsames Gesicht. „Gott?“
„Vielleicht“, sagte Cloud unsicher. „Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehrten ein Lamm, aber ein besonders Lamm. Sie nannten es ‚den Herrn‘. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur… schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.“ Sie wollte nicht weitererzählen.
„Und in ihm steckte ein Spaten, stimmt’s?“, fragte Sir Ritchfield triumphierend.
„Dieser ‚Gott‘ scheint mir ziemlich verdächtig“, sagte Mopple. „Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.“
„Er ist sehr mächtig“, ergänzte Cloud, die sich ein wenig gefangen hatte. „Alle Leute sind vor ihm auf die Knie gefallen. Und er hat gesagt, dass er alles weiß.“
[…]
Die Schafe dachten weiter über Gott nach.

Das mag ein paar Mal amüsant sein, verliert aber seinen Charme durch die vielfache Wiederholung.

Hier fällt auch die zweite wesentliche Schwachstelle des Romans auf. Die Sprache ist einfach und kunstlos, die Syntax kurz und ohne Schmuck. Das kann intendiert sein oder nicht, wenn man Schafe sprechen lässt. Es ist auf fast 400 Seiten mit einer Vielzahl von Dialogen aber nur schwerlich zu ertragen.

Für mich war nach einigen Kapiteln darum Schluss, denn nach Daniel Pennacs „unantastbaren Rechten des Lesers“ aus Wie ein Roman nehme ich mir das Recht heraus, ein Buch nicht zu Ende zu lesen:

Es gibt sechsundreißigtausend Gründe, einen Roman vor dem Ende wegzulegen: das Gefühl von ‚Déjà-lu‘, eine Geschichte, die uns nicht fesselt,  unsere totale Ablehnung der Thesen des Autors, einen Stil, von dem wir eine Gänsehaut bekommen, oder, im Gegenteil eine Art zu schreiben, bei der es keinen Grund weiterzulesen gibt. Es ist unnötig die anderen 35995 anderen Gründe aufzuzählen, zu denen auch Zahnschmerzen und die Schikanen unseres Chefs gehören oder ein Herzbeben, das unseren Kopf versteinert.
Fällt uns das Buch aus der Hand?
Soll es doch fallen.
Schließlich ist nicht jeder, der will, ein Montesquieu, daß er sich auf Befehl den Trost eines Lesestündchens gönnen könnte.

Viele dieser Gründe kann man verhindern, wenn man sich überlegt, was man eigentlich lesen möchte und warum man liest. Aber manchmal passiert es eben auch, dass man mit einem Buch nicht zurecht kommt, dass man ein Buch anders eingeschätzt hat, egal ob es Swann oder Sartre ist. Dann kann man sich überlegen, wieso das so ist, und ob es an einem selbst, an dem Buch oder an seiner eigenen Beziehung zu diesem Text liegt. Und vielleicht kommt man dann darauf, dass sich ein zweiter Blick mit veränderter Perspektive durchaus lohnen könnte. Wer hat nicht die Texte der Klassik in der Schule langweilig gefunden und dann im Erwachsenenalter oder besonders im Literaturstudium gemerkt, dass es − unabhängig von Geschmack − großartige literarische Werke sind?

Vor allem zeigt sich aber bei Glennkill nicht nur, dass man seine Zeit manchmal besser nutzen kann, als beim Lesen von Büchern, es tritt auch etwas an die Oberfläche, das bei vielen Neuerscheinungen der letzten 5-6 Jahre vergessen wird: Eine einzige gute Idee macht noch keinen guten Roman.

Vom Aussetzen der Argumentation

Es ist ein eigenartiges Phänomen des Internets, dass Diskussionen schnell in Beleidigungen ausarten und dass gute, ja sogar zwingende Argumente von Diskussionsteilnehmern ignoriert werden. Eine sachliche Diskussion ist oftmals nicht möglich und als Beobachter gewinnt man in vielen Fällen den Eindruck, dass mindestens ein Diskutant, oftmals aber auch alle Beteiligten vollkommen aneinander vorbei reden. Wer wollte, könnte in diversen Blogs, aber besonders auf Facebook-Seiten und in Youtube-Kommentarspalten eine unendlich anmutende Fülle von Beispielen finden. Einen Artikel, der sich diesen Diskussionen eher auf der Ebene der Bedeutungszuschreibung nähert, hatte ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. In letzter Zeit ist besonders die Band Frei.Wild als Thema beliebt, wenn es um den Austausch semantisch reduzierter Sentenzen geht. Keine dieser Erscheinungen ist in dieser Intensität im Alltag außerhalb des Internets zu beobachten. Wie kann das sein?

Die Strukturen des Internets

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass bei vielen Rahmenbedingungen − etwa Facebook- und Youtube-Kommentare, aber natürlich auch Twitter − die Länge der Nachrichten explizit oder rezeptionsbedingt limitiert ist. Der Aufbau einer komplexen Argumentation ist hier gar nicht möglich. Weil aber auch in Foren und Blogs recht schnell ad hominem diskutiert wird und weil auch hier schlüssig und rhetorisch aufgebaute Argumentationen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, muss es weitere Gründe geben.

Internet Discussion

Diese sind sicher zum Teil in der partizipativen Struktur des Web 2.0 zu suchen: Alle können Mitreden. Ich brauche keine Qualifikation, um mich zu einem Thema zu äußern, wie es − zumindest meistens − der Fall ist, wenn ich im Fernsehen, der Printpresse oder in der Literatur mit meinen Positionen zitiert und rezipiert werden möchte. Diese Nicht-Qualifikation spiegelt sich dann auch in den entsprechenden Debattenbeiträgen wider. Vor allem das Ausgehen von fragwürdigen Prämissen ist dabei beliebt. Die eigene Position fundamental zu hinterfragen und auch an den Axiomen zu rütteln, wenn es Grund dafür gibt, ist zur Seltenheit verkommen. Wenn aber z.B. die vertretenen Grundannahmen schon in einem Widerspruch zur gängigen Forschungsmeinung, so es sie denn gibt, stehen und diese Abweichung nicht einmal begründet werden kann, ist es natürlich nicht möglich, eine sinnvolle und andere überzeugende Argumentation auf ihnen aufzubauen.

Wir brauchen positive Selbstkonzepte

Im Beispiel Frei.Wild sieht man das an Kommentaren wie „freiwild sagt selbst, dass sie gegen rechts sind also könen sie ja wohl keine nazis sein“. Offenbar liegt diesem Satz die fragwürdige Annahme zugrunde, dass eine Aussage über das eigene Selbst bzw. das eigene Wesen nicht falsch sein kann. Das beanspruchen offenbar auch die Autoren dieser Kommentare für sich, und damit nähern wir uns auch schon einem Kern des Problems: positive Selbstkonzepte.

Ich selbst bin Geisteswissenschaftler und kein Psychologe, aber für die Rezeption der (meist etwas obskuren) psychoanalytischen Literaturwissenschaft musste ich mir ein paar psychologische Grundkenntnisse anlesen, so dass ich zumindest ein wenig zu dem Thema sagen kann. Um es ganz platt zu machen: Damit wir mit dem Leben klar kommen, brauchen wir ein positives Bild von uns selbst. Wir haben ein Konzept davon, welche Vorstellungen wir haben und gehen davon aus, dass unsere Handlungen diesen Überzeugungen entsprechen. Bekommen wir von unserer Umwelt, also vorzüglich unseren Mitmenschen, anderweitige Rückmeldungen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese muss jedoch aufgelöst werden, damit unser positives Selbstkonzept nicht in Gefahr gerät. Eine Möglichkeit dazu ist, Handlungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Eine andere ist es, die Ursachen für die Dissonanz bei anderen oder in Sachzwängen zu suchen. Im Internet ist gerade dieses Abweisen der Verantwortlichkeit besonders einfach, weil ich die Menschen, mit denen ich diskutiere, in der Regel nicht persönlich kenne: „Ach, das sind nur irgendwelche Idioten aus dem Internet! Wie kann man nur so arrogant sein?!“, „Die werfen mir das vor? Die wissen ja nicht mal wovon sie reden! Immer diese Trolle! Ich hingegen, ich habe Ahnung von dem Thema, nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung!“


Ein nettes Video, das die kognitive Dissonanz thematisiert

Dazu kommt, dass das Internet für einige Menschen die Möglichkeit bietet, ein neues Selbstkonzept zu erstellen. Wenn sie ihr positives Selbstbild in der Welt außerhalb des Internets verloren haben oder nur durch Isolation aufrecht erhalten konnten, reagieren sie umso heftiger, wenn sie im Internet ähnlich gelautete Rückmeldungen auf ihre (sprachlichen) Handlungen erhalten. Diese Reaktion kann sich in Ablehnung und Aggression ausdrücken und damit ein ad hominem oder tu quoque begründen.

Das Internet, ein weltweiter Stammtisch

Besonders wenn eine solche persönliche Verwicklung gegeben ist, fließen emotionale Aspekte stark in die Argumentation ein, was sie rational meist kaum noch nachvollziehbar werden lässt. Sie erhält dann Stammtischniveau im Stile von:

A: Also ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber diese Zigeuner…nee, so schlecht erzogene Kinder haben die!

B: Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass alle Sinti und Roma keine Kindererziehung bewerkstelligen können…

A: Also ich hab mal neben einer Zigeunerfamilie gewohnt und die Kinder waren den ganzen Tag laut und haben im Garten und Flur gerufen und die Türen geknallt. Sogar am Sonntag! Da kannste mir sagen, was du willst, die Zigeuner können ihre Kinder einfach nicht erziehen!

Was hier geschieht, ist natürlich eine induktive Argumentation par excellence. Aus dem Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Aber diese Schlussfolgerung wird nicht wieder mittels Deduktion überprüft. Man hatte persönliche Erlebnisse, die als negativ empfunden wurden, und natürlich möchte man sich nicht selbst die Schuld für diese negative Empfindung geben, sondern sucht sie bei anderen. Jetzt kommt jemand, der einem sagt, dass die Lösung, die man sich zurecht gelegt hat, um seine negative Empfindung zu erklären, keinen Sinn ergibt. Doch weil man sie aus einer persönlichen Angelegenheit heraus begründet hatte, fühlt man sich dadurch auch persönlich angegriffen. Und reagiert meist durch die oben beschriebenen Prozesse zur Auflösung kognitiver Dissonanz. Das macht das Internet zu einer Art weltweitem Stammtisch.

…und auch außerhalb der virtuellen Welt

Der Grundsatz, dass eine Meinung hinreichend begründet sein muss, wird hier also von den Menschen implizit in Frage gestellt. Zugleich bildet sich in diesem Prozessen aber nur eine gesamtgesellschaftliche Tendenz ab, Ursachen außerhalb zu suchen. Das klassische Beispiel ist natürlich, dass „der Lehrer blöd ist“ und nicht etwa man selbst zu faul war, wenn man eine schlechte Note schreibt. Sicher hat man den abgefragten Stoff nie im Unterricht durchgenommen oder wenn, dann konnte die Lehrkraft ihn nicht vernünftig vermitteln. Oder wenigstens war man ja eine Woche krank und hatte gar keine Chance, die Lerninhalte zu vertiefen oder gar das Buch zu lesen, das man seit einem Monat behandelt. Dass Eltern in der Schule in Gegenwart eines Anwalts vorsprechen, der Druck auf die Notengebenden ausüben soll, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Inzwischen setzt sich diese Tendenz sogar an den Universitäten fort. Welche Absurditäten man als Prüfungsbeauftragter inzwischen auf den Schreibtisch gelegt bekommt, ist manchmal kaum zu fassen. Da gibt es ein Vollplagiat und der Prüfling behauptet, die Dozentin habe ja nie deutlich gemacht, dass das nicht gestattet sei. Da werden Dozenten „Neid auf die großartige wissenschaftliche Leistung [der] Hausarbeit“ im zweiten Semester vorgeworfen. Oder wenigstens sei die aus Kulanz gewährte Nachkorrekturfrist von vier Wochen zu kurz gewesen, um auch nur ein Wort an dem abgegebenen Essay zu ändern.

Ob Frei.Wild-Forum oder wissenschaftlicher Text: Wir sollten vielleicht wieder einmal dazu übergehen, unsere Handlungen und unsere Positionen fundamental zu hinterfragen. Wenn wir sie dann auch außerhalb von Empfindungen und Einzelbeispielen begründen können, sollten wir sie behalten − und mit diesen Begründungen auf andere zugehen. Wenn wir dazu aber nicht in der Lage sind, sollten wir überlegen, ob nicht auch andere vielleicht recht haben könnten.