Woyzeck – Büchners Geburtstagsmagazin

Woyzeck

Die aktuelle Ausgabe von
Das Buch als Magazin

Am 17. Oktober vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller, Arzt und Sozialrevolutionär Georg Büchner geboren. Zur Feier dieses Tages erschien heute das zweite Heft von Das Buch als Magazin – diesmal mit einer Ausgabe von Büchners Woyzeck.

Wer von diesem Magazin noch nichts gehört hat, dem sei das Konzept kurz erklärt: Veröffentlicht werden kanonische Texte der deutschen Literatur in einem Magazinformat. Am Seitenrand des literarischen Werks stehen Anmerkungen und Interpretationsskizzen. Die Texte werden durch Reportagen, Fotoserien und Artikel ergänzt, welche zwischen der Gegenwart und dem literarischen Text Bezüge herstellen sollen. Auch wenn man hier schon Kritik anbringen könnte (Liegt die Wertigkeit von literarischen Texten nur in ihrem Gegenwartsbezug? Ist es eine sinnvolle Herangehensweise, Literatur auf eine oder mehrere Aussagen zu reduzieren?): Ein sicherlich interessantes Konzept und so hatte ich mir auch bereits die erste Ausgabe (Franz Kafka: Die Verwandlung) zu Beginn des Jahres 2013 zugelegt. Leider wurde ich insbesondere von der Einrichtung des Textes enttäuscht, denn „Der Originaltext von Franz Kafka“, wie ihn das Titelblatt des Magazins anpries, war es sicher nicht, den ich zu lesen bekam. Mit einer Nachfrage bei der Redaktion erhielt ich die freundliche, aber zugleich ernüchternde E-Mail, dass man den Text nach zwei verschiedenen Internetseiten herausgegeben, aber immerhin nochmals mit einem Reprint der Erstausgabe verglichen hatte. Für ein Magazin, das literarische Texte in den Mittelpunkt stellen möchte, hatte ich mir da einen größeren Stellenwert des Autortextes gewünscht, etwa indem man nach der FKA ediert. Gerade bei Franz Kafka wäre eine Thematisierung wichtig gewesen, da die meisten Texte, die wir heute noch zu lesen bekommen, die nachträglichen Bearbeitungen von Max Brod sind.

Die Idee hielt ich trotzdem weiter für unterstützenswert und umso gespannter war ich, also vor einigen Tagen das neue Heft in meinen Briefkasten flatterte. Wie macht sich also nun die zweite Ausgabe des Magazins? Zweifelsohne gut. Kleinigkeiten wurden positiv verändert – es ist inzwischen zum Beispiel nicht mehr von „Geschichten aus dem Alltag“, die zum Text passen, sondern von „Geschichten aus der Gegenwart“ die Rede – und das auch in der ersten Ausgabe bereits edle Design ergibt im zweiten Heft ein außerordentlich stimmiges Gesamtbild. Erfreulich ist auch, dass diesmal mit der Münchener Ausgabe von 1979/1980 eine zitationsfähige Ausgabe als Textvorlage gewählt wurde und dazu der Fragmentcharakter des Woyzeck explizit thematisiert wird. Natürlich hätte man auch gleich auf die aktuelle Marburger Ausgabe zurückgreifen können, die den derzeitigen Forschungsstand repräsentiert, aber es zeigt sich eben, dass die beiden Herausgeber der Zeitschrift sich mit viel Liebe und Passion damit beschäftigen, wie ihr Magazin aussehen soll, und dabei auch kritische Anmerkungen der Leserschaft produktiv aufnehmen.

Auch die Beiträge in der Oktober-Ausgabe sind vielfältig. Peter Wagner schreibt in 60 Punkten über deutsche Frauen, die Angehörige der US-Armee heiraten und interviewt einige Seiten später die Psychiaterin Ulrike Schmidt zu Traumata. Felicitas Hoppe reflektiert über die Bedeutung von Woyzeck und Alban Bergs Wozzeck. Emma Kisiel schießt Photos von toten Tieren, die sie in offenen Gräbern bestattet hat. Und unter dem Pseudonym John Francis Calligan schreibt ein Diplomat über selbst erlebte kulturelle und ökonomische Differenzen. Letzterer Text ist in englischer Sprache verfasst und nicht übersetzt, was gerade bei diesem Thema als Glücksgriff gelten kann. Es stellt sich damit aber auch die Frage, an wen sich Das Buch als Magazin eigentlich richten soll. Recht weit reichende Kenntnisse des Englischen werden offenbar vorausgesetzt, auch die künstlerische Gestaltung mit moderner Photographie weist eher auf eine Zielgruppe in höheren Bildungsschichten hin, vielleicht sogar auf eine akademische Klientel. Nicht zuletzt sollten die Leser bei einem sicher angemessenen, aber trotzdem nicht besonders wohlfeilen Preis von 12€ finanzkräftig sein. Es geht also letztlich nicht darum, dass viele Menschen „gute Literatur“ kennen lernen, sondern um ein relativ luxuriöses Produkt für eine Minderheit, die dann, wie es im Editorial des Erstlings steht, alte Texte neu lesen kann. Das ist immer noch eine schöne Idee mit einer anmutigen Umsetzung, allerdings bleibt es dann fraglich, weshalb man für die Ausgaben Texte wählt, die den meisten dieser Menschen ohnehin aus der Schule oder ihrer sonstigen Allgemeinbildung bekannt sein dürften. Es wird sicherlich nicht leicht, mit diesem Konzept auf Dauer bestehen zu können, weil man sich nicht nur in Konkurrenz mit anderen Zeitschriften, sondern vor allem mit den großen Klassikerverlagen begibt. Aber bei der Kreativität der Redaktion mache ich mir keine Sorgen und bin zuversichtlich, dass wir noch viele Ausgaben des Magazins in den Händen halten können. Wir dürfen gespannt sein, was uns das nächste Heft für Neuigkeiten zu den alten Texten offeriert.

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Andreas Gryphius – Gedichte

GryphiusGedichteDie Gryphius-Forschung ist produktiv: Mehrere hundert Aufsätze, Monographien und Sammelbände sind zum Werk des schlesischen Autors seit den Jahr 2000 erschienen. Aber eine verlässliche Werkausgabe fehlt bis heute. Das ist besonders deshalb ein Problem, weil Gryphius stark kanonisiert ist, als einer der größten des deutschsprachigen Barocks, wenn nicht gar der ganzen Literaturgeschichte gilt und seine Gedichte bis heute – leider im Gegensatz zu seinen sehr unterhaltsamen Komödien und epochalen Trauerspielen – in der Schule gelesen werden. Dass der Reclam-Verlag hier mit einer historisch-kritischen Ausgabe Abhilfe schaffen würde, war natürlich nicht zu erwarten, aber dennoch ist das gelbe Bändchen mit einer Auswahl von Gedichten in vielfacher Hinsicht bemerkenswert.

Andreas Gryphius wurde 1616 in Glogau geboren. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges war er folglich ein kleines Kind und ohne diesen Umstand wäre insbesondere die Lyrik Gryphiusʼ nicht denkbar. Dreißig Jahre lang sorgte der Krieg in weiteren Teilen Zentraleuropas für Verheerung, die heute kaum noch vorstellbar sind. Zuerst kämpfen Katholiken gegen Protestanten, dann wurde aus dem Glaubenskrieg immer stärker ein politischer Konflikt, in dem sich schließlich Konfessionsbrüder gegenseitig für die Interessen ihrer Fürsten abschlachteten.

Städte wurden geplündert, die Frauen vergewaltigt, die Männer grausam getötet und wer überlebte, musste vielleicht wenige Monate später ansehen, wie andere Truppen das Zerstörten, was gerade wieder aufgebaut worden war. Allein Glogau wurde 1628 gewaltsam rekatholisiert, 1630 von den Protestanten eingenommen, 1633 wieder katholisch und 1642 vom protestantischen Schweden erobert. Dazu zogen brandschatzende Horden durch die Lande, die auf keiner Seite kämpften und versuchten, aus dem Chaos und Leid ihren Gewinn zu schlagen. Zugleich wüteten Pestepidemien, die diejenigen töteten, die die Massaker überlebt hatten. Dabei war das Weltbild der Menschen noch kein globalisiertes, wie wir es heute haben. Man kannte kaum das nächste Dorf oder gar Gegenden außerhalb seines eigenen Herzogtums. Was also im Chaos war, was unterging, war für die gottgläubigen Menschen ihre ganze Welt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass der gesamte Halt im Leben verloren ging. Diese Angst, das Leid und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges schreiben sich auch in die Lyrik Andreas Gryphiusʼ ein. Eindrucksvoll zeigt sich das am Beispiel einer Grabschrift, die er auf den Tod seiner Nichte als Neugeborenes geschrieben hat:

Gryphius1

An dem hier zitierten Gedicht wird ein Vorteil der Reclam-Ausgabe deutlich: Die Texte werden soweit wie möglich in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Es erfolgen keine Normalisierungen der Rechtschreibung, die Virgeln werden nicht durch Kommata ersetzt, auch die Supraskripta der Umlaute bleiben bestehen. So kann das Gedicht in einer historisch korrekten Form rezipiert werden und nicht in einer Variante, die sich ein späterer Herausgeber überlegt hat, um uns heutigen Lesern eine vermeintliche Hilfe zu bieten.

Die Fremdheit, die dieses Druckbild und auch die Wortwahl auf uns heute hat, lässt sich jedoch nicht leugnen und sie fordert ein gewisses Maß an Sprach- und Textkompetenz, das im heutigen Literaturunterricht leider durch den Einsatz modernisierter Ausgaben oft eher abtrainiert wird. Insofern ist es besonders begrüßenswert, dass Thomas Borgstedt mit seiner Reclam-Auswahlausgabe die Lyrik Andreas Gryphiusʼ nicht nur editorisch versiert und historisch korrekt herausgegeben hat, sondern auch in einer Form, in der sie vielleicht in Zukunft zur Grundlage der Barockstunden im Deutschunterricht wird.

Greift man nur bei offensichtlichen Druckfehlern ein, ist es für eine Leseausgabe aber zweifelsohne ratsam, einen erläuternden Kommentar beizufügen. Hier zeigt sich ein gewisser Schwachpunkt der Ausgabe, denn der Kommentar erläutert mitunter viele Stellen nicht, die sich dem heutigen Leser nicht unbedingt erschließen. Ein bekanntes Beispiel:

Gryphius2

In seinem Stellenkommentar weist Borgstedt als Begriffe nur nach: „Carthaun] schwere Kanone, ‚Viertelbüchse‘ […] Grauß] Trümmer“. Zumindest für Grauß ist der Nachweis zweifelsohne sinnvoll. Dafür fehlen jedoch einige Erläuterungen, ohne die man Stellen des Gedichtes heute womöglich falsch verstehen könnte oder zumindest nicht direkt versteht, was das Wort meint. So bedeutet frech bei Gryphius ‚mutig, kühn, kriegerisch‘, das vom Blutt fette Schwerdt ist ein Schwert, das vor lauter Blut tropft. Von Leichen fast verstopfft meint nicht, dass die Flüsse fast verstopft sind, sondern dass sie fest, vollständig verstopft sind, wie es bei der völligen Zerstörung Magdburgs 1631 der Fall gewesen sein soll. Borgstedt erwähnt außerdem mit keinem Wort die Apokalypse-Verweise, die sich durch das Sonett ziehen: die rasenden Posaunen, die umgekehrte Kirche als Auflösung der Weltordnung des Gottesreichs und vor allem Dreymal sind schon sechs Jahr als Zahl des Antichristen. Stattdessen schreibt er zu letzterer Stelle nur „18 Jahre seit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618“, was zweifelsfrei korrekt ist, aber eine zentrale Bedeutungsebene des Textes außer Acht lässt. Man lese das Gedicht mit diesem Wissen nochmals und der Eindruck wird sicher ein anderer sein.

Erfreulich ist, dass neben den großen Dichtungen über Tod und Schrecken seiner Zeit auch die weniger rezipierten Spottverse und Epigramme Eingang in die Auswahl finden. Gryphius zeigt sich hier von seiner ironischen Seite, die sonst kaum beachtet wird und mit der Leseausgabe vielleicht in eine zumindest etwas breitere Öffentlichkeit getragen wird.

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Ein lesenswertes Nachwort rundet die Ausgabe zusammen mit der aufschlussreichen editorischen Notiz, einer brauchbaren Auswahlbibliographie und einer manchmal recht groben Zeittafel der biographischen Umstände Gryphiusʼ ab.