Vom Weglegen der Bücher − Glennkill. Ein Schafskrimi

Selten kommt es vor, dass ich die Lektüre von Büchern abbreche. Denn meist suche ich mir jene Werke aus der Unmenge von Erscheinungen aller Jahrhunderte heraus, die ich aus Gründen für lesenswert halte. Manchmal ist es aber auch ein Fehlgriff, der passiert. So etwa bei Glennkill. Ein Schafskrimi von Leonie Swann.

Das Buch ist bekannt, wurden doch mehrere Millionen Exemplare verkauft, und die Autorin hat nach diesem Erfolg weiter im neuen Subgenre des Schafkrimis getextet. Dass Quantität aber nicht immer ein Merkmal für literarische Qualität sein muss, wird spätestens nach dem Erfolg der zahlreichen Vampir-Romane den meisten Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen, klar geworden sein. Entsprechend kritisch war ich auch, als mir der Kriminalroman mit den tierischen Protagonisten ans Herz gelegt wurde. Doch von einer studierten − inzwischen sogar promovierten − Literaturwissenschaftlerin glaubte ich doch, einen anspielungsreichen und spannenden Roman erwarten zu dürfen. Spannend nicht zuletzt, weil ihr schriftstellerisches Debut auch in den Feuilletons und Literaturmagazinen überwiegend positiv aufgenommen wurde.

Erfolgsversprechend ließ sich Glennkill auch an, werden doch vor das erste Kapitel die „Dramatis Oves“ gestellt, was mich zum Schmunzeln veranlasst hat. Auch einige der Namen wie Miss Maple („ist das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt“), Melmoth („ein legendärer verschwundener Widder“) oder Othello („ein schwarzer Hebridean-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit“) sind zumindest kurzweilig und verweisen sofort zu Begin auf intertextuelle Bezüge, die es tatsächlich in dem Buch hin und wieder gibt. Doch leider bleibt der Roman auf dieser rein nominellen Anspielungsebene und verbindet sich nicht mit anderen zu einem komplexeren Geflecht.

Glennkill

Auch auf der Handlungsebene wird eigentlich nur ein einfaches und dazu nicht besonders innovatives Thema variiert: Die Distanzierung zur eigenen Perspektive. Die Schafe im Roman erklären sich die Welt anders als die Menschen es tun. Sie nehmen sie anders wahr, setzen andere Bedeutungsschwerpunkte und bringen ihre Wahrnehmungen in andere Zusammenhänge. Da man selbst als Leser jedoch ein Mensch ist, wird man so auf seine eigene Wahrnehmung gestoßen und beginnt, sie zu reflektieren. Das ist eine nette Idee, die es in der Weltliteratur schon vielfach gegeben hat, wenn auch nicht in dieser animalisch-komödiantischen Weise.

Als die Schafe eines Tages ihren Schäfer tot und von einem Spaten aufgespießt entdecken, beschließen sie, den Täter zu finden. Dabei dringen sie mehr in die Welt der Menschen ein und teilen sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit den Zweibeinern mit. Das führt eben aufgrund dieser Perspektivverschiebung ohne Frage zu lustigen Textstellen, etwa wenn ein Schaf feststellt, dass es den Priester schon einmal gesehen hat.

„[…] Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. ‚Willkommen im Hause Gottes!‘ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.“ Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.
„‚Gott‘ heißt er also“, sagte Sir Ritchfield.
Othello machte ein seltsames Gesicht. „Gott?“
„Vielleicht“, sagte Cloud unsicher. „Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehrten ein Lamm, aber ein besonders Lamm. Sie nannten es ‚den Herrn‘. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur… schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.“ Sie wollte nicht weitererzählen.
„Und in ihm steckte ein Spaten, stimmt’s?“, fragte Sir Ritchfield triumphierend.
„Dieser ‚Gott‘ scheint mir ziemlich verdächtig“, sagte Mopple. „Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.“
„Er ist sehr mächtig“, ergänzte Cloud, die sich ein wenig gefangen hatte. „Alle Leute sind vor ihm auf die Knie gefallen. Und er hat gesagt, dass er alles weiß.“
[…]
Die Schafe dachten weiter über Gott nach.

Das mag ein paar Mal amüsant sein, verliert aber seinen Charme durch die vielfache Wiederholung.

Hier fällt auch die zweite wesentliche Schwachstelle des Romans auf. Die Sprache ist einfach und kunstlos, die Syntax kurz und ohne Schmuck. Das kann intendiert sein oder nicht, wenn man Schafe sprechen lässt. Es ist auf fast 400 Seiten mit einer Vielzahl von Dialogen aber nur schwerlich zu ertragen.

Für mich war nach einigen Kapiteln darum Schluss, denn nach Daniel Pennacs „unantastbaren Rechten des Lesers“ aus Wie ein Roman nehme ich mir das Recht heraus, ein Buch nicht zu Ende zu lesen:

Es gibt sechsundreißigtausend Gründe, einen Roman vor dem Ende wegzulegen: das Gefühl von ‚Déjà-lu‘, eine Geschichte, die uns nicht fesselt,  unsere totale Ablehnung der Thesen des Autors, einen Stil, von dem wir eine Gänsehaut bekommen, oder, im Gegenteil eine Art zu schreiben, bei der es keinen Grund weiterzulesen gibt. Es ist unnötig die anderen 35995 anderen Gründe aufzuzählen, zu denen auch Zahnschmerzen und die Schikanen unseres Chefs gehören oder ein Herzbeben, das unseren Kopf versteinert.
Fällt uns das Buch aus der Hand?
Soll es doch fallen.
Schließlich ist nicht jeder, der will, ein Montesquieu, daß er sich auf Befehl den Trost eines Lesestündchens gönnen könnte.

Viele dieser Gründe kann man verhindern, wenn man sich überlegt, was man eigentlich lesen möchte und warum man liest. Aber manchmal passiert es eben auch, dass man mit einem Buch nicht zurecht kommt, dass man ein Buch anders eingeschätzt hat, egal ob es Swann oder Sartre ist. Dann kann man sich überlegen, wieso das so ist, und ob es an einem selbst, an dem Buch oder an seiner eigenen Beziehung zu diesem Text liegt. Und vielleicht kommt man dann darauf, dass sich ein zweiter Blick mit veränderter Perspektive durchaus lohnen könnte. Wer hat nicht die Texte der Klassik in der Schule langweilig gefunden und dann im Erwachsenenalter oder besonders im Literaturstudium gemerkt, dass es − unabhängig von Geschmack − großartige literarische Werke sind?

Vor allem zeigt sich aber bei Glennkill nicht nur, dass man seine Zeit manchmal besser nutzen kann, als beim Lesen von Büchern, es tritt auch etwas an die Oberfläche, das bei vielen Neuerscheinungen der letzten 5-6 Jahre vergessen wird: Eine einzige gute Idee macht noch keinen guten Roman.

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2 Gedanken zu „Vom Weglegen der Bücher − Glennkill. Ein Schafskrimi

  1. Die Kritik, die Sprache sei „einfach und kunstlos“ wird fortgeführt mit dem Satz: „Das kann indentiert sein oder nicht, […]“. Der Autor wollte hier wohl seine eigene sprachliche Extravaganz zur Schau stellen – aber durch ein „intendiert“ (statt eines „beabsichtigt“) wird der vorliegende Beitrag auch nicht zur qualitativen intellektuellen Literaturkritik…

    • Zunächst einmal vielen Dank für den Hinweis auf den Rechtschreibfehler. Dann muss ich allerdings sagen, dass mir deine Kritik nicht ganz klar wird. Niemand würde davon ausgehen, dass ein einzelnes Wort zu einer „qualitativen intellektuellen Literaturkritik“ führt. Oder zumindest würde ich das nicht tun. Mir den Gebrauch eines einzigen Fremdwortes vorzuhalten, aber selbst in zwei Sätzen gleich drei zu benutzen – das ist zumindest amüsant. Abgesehen davon, wird ein so gebräuchliches Wort wie „intendiert“ nicht genügen, wenn irgendwer tatsächlich seine eigene „sprachliche Extravaganz zur Schau stellen“ will. Zudem geht es in diesem Beitrag ja auch nicht allein um eine Kritik des Buches, die sich im Übrigen auch nicht in einer Stilkritik erschöpft, sondern um den Umgang mit Büchern, die einem nicht gefallen. Ich selbst stelle hier auch nicht den Anspruch an mich, intellektuell anspruchsvolle Literaturkritiken zu schreiben. Wer das sucht, sollte sich wohl auch eher dem Feuilleton der FAZ oder der Zeit zuwenden als irgendeinem Blog im Internet.

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