Vom Aussetzen der Argumentation

Es ist ein eigenartiges Phänomen des Internets, dass Diskussionen schnell in Beleidigungen ausarten und dass gute, ja sogar zwingende Argumente von Diskussionsteilnehmern ignoriert werden. Eine sachliche Diskussion ist oftmals nicht möglich und als Beobachter gewinnt man in vielen Fällen den Eindruck, dass mindestens ein Diskutant, oftmals aber auch alle Beteiligten vollkommen aneinander vorbei reden. Wer wollte, könnte in diversen Blogs, aber besonders auf Facebook-Seiten und in Youtube-Kommentarspalten eine unendlich anmutende Fülle von Beispielen finden. Einen Artikel, der sich diesen Diskussionen eher auf der Ebene der Bedeutungszuschreibung nähert, hatte ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. In letzter Zeit ist besonders die Band Frei.Wild als Thema beliebt, wenn es um den Austausch semantisch reduzierter Sentenzen geht. Keine dieser Erscheinungen ist in dieser Intensität im Alltag außerhalb des Internets zu beobachten. Wie kann das sein?

Die Strukturen des Internets

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass bei vielen Rahmenbedingungen − etwa Facebook- und Youtube-Kommentare, aber natürlich auch Twitter − die Länge der Nachrichten explizit oder rezeptionsbedingt limitiert ist. Der Aufbau einer komplexen Argumentation ist hier gar nicht möglich. Weil aber auch in Foren und Blogs recht schnell ad hominem diskutiert wird und weil auch hier schlüssig und rhetorisch aufgebaute Argumentationen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, muss es weitere Gründe geben.

Internet Discussion

Diese sind sicher zum Teil in der partizipativen Struktur des Web 2.0 zu suchen: Alle können Mitreden. Ich brauche keine Qualifikation, um mich zu einem Thema zu äußern, wie es − zumindest meistens − der Fall ist, wenn ich im Fernsehen, der Printpresse oder in der Literatur mit meinen Positionen zitiert und rezipiert werden möchte. Diese Nicht-Qualifikation spiegelt sich dann auch in den entsprechenden Debattenbeiträgen wider. Vor allem das Ausgehen von fragwürdigen Prämissen ist dabei beliebt. Die eigene Position fundamental zu hinterfragen und auch an den Axiomen zu rütteln, wenn es Grund dafür gibt, ist zur Seltenheit verkommen. Wenn aber z.B. die vertretenen Grundannahmen schon in einem Widerspruch zur gängigen Forschungsmeinung, so es sie denn gibt, stehen und diese Abweichung nicht einmal begründet werden kann, ist es natürlich nicht möglich, eine sinnvolle und andere überzeugende Argumentation auf ihnen aufzubauen.

Wir brauchen positive Selbstkonzepte

Im Beispiel Frei.Wild sieht man das an Kommentaren wie „freiwild sagt selbst, dass sie gegen rechts sind also könen sie ja wohl keine nazis sein“. Offenbar liegt diesem Satz die fragwürdige Annahme zugrunde, dass eine Aussage über das eigene Selbst bzw. das eigene Wesen nicht falsch sein kann. Das beanspruchen offenbar auch die Autoren dieser Kommentare für sich, und damit nähern wir uns auch schon einem Kern des Problems: positive Selbstkonzepte.

Ich selbst bin Geisteswissenschaftler und kein Psychologe, aber für die Rezeption der (meist etwas obskuren) psychoanalytischen Literaturwissenschaft musste ich mir ein paar psychologische Grundkenntnisse anlesen, so dass ich zumindest ein wenig zu dem Thema sagen kann. Um es ganz platt zu machen: Damit wir mit dem Leben klar kommen, brauchen wir ein positives Bild von uns selbst. Wir haben ein Konzept davon, welche Vorstellungen wir haben und gehen davon aus, dass unsere Handlungen diesen Überzeugungen entsprechen. Bekommen wir von unserer Umwelt, also vorzüglich unseren Mitmenschen, anderweitige Rückmeldungen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese muss jedoch aufgelöst werden, damit unser positives Selbstkonzept nicht in Gefahr gerät. Eine Möglichkeit dazu ist, Handlungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Eine andere ist es, die Ursachen für die Dissonanz bei anderen oder in Sachzwängen zu suchen. Im Internet ist gerade dieses Abweisen der Verantwortlichkeit besonders einfach, weil ich die Menschen, mit denen ich diskutiere, in der Regel nicht persönlich kenne: „Ach, das sind nur irgendwelche Idioten aus dem Internet! Wie kann man nur so arrogant sein?!“, „Die werfen mir das vor? Die wissen ja nicht mal wovon sie reden! Immer diese Trolle! Ich hingegen, ich habe Ahnung von dem Thema, nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung!“


Ein nettes Video, das die kognitive Dissonanz thematisiert

Dazu kommt, dass das Internet für einige Menschen die Möglichkeit bietet, ein neues Selbstkonzept zu erstellen. Wenn sie ihr positives Selbstbild in der Welt außerhalb des Internets verloren haben oder nur durch Isolation aufrecht erhalten konnten, reagieren sie umso heftiger, wenn sie im Internet ähnlich gelautete Rückmeldungen auf ihre (sprachlichen) Handlungen erhalten. Diese Reaktion kann sich in Ablehnung und Aggression ausdrücken und damit ein ad hominem oder tu quoque begründen.

Das Internet, ein weltweiter Stammtisch

Besonders wenn eine solche persönliche Verwicklung gegeben ist, fließen emotionale Aspekte stark in die Argumentation ein, was sie rational meist kaum noch nachvollziehbar werden lässt. Sie erhält dann Stammtischniveau im Stile von:

A: Also ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber diese Zigeuner…nee, so schlecht erzogene Kinder haben die!

B: Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass alle Sinti und Roma keine Kindererziehung bewerkstelligen können…

A: Also ich hab mal neben einer Zigeunerfamilie gewohnt und die Kinder waren den ganzen Tag laut und haben im Garten und Flur gerufen und die Türen geknallt. Sogar am Sonntag! Da kannste mir sagen, was du willst, die Zigeuner können ihre Kinder einfach nicht erziehen!

Was hier geschieht, ist natürlich eine induktive Argumentation par excellence. Aus dem Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Aber diese Schlussfolgerung wird nicht wieder mittels Deduktion überprüft. Man hatte persönliche Erlebnisse, die als negativ empfunden wurden, und natürlich möchte man sich nicht selbst die Schuld für diese negative Empfindung geben, sondern sucht sie bei anderen. Jetzt kommt jemand, der einem sagt, dass die Lösung, die man sich zurecht gelegt hat, um seine negative Empfindung zu erklären, keinen Sinn ergibt. Doch weil man sie aus einer persönlichen Angelegenheit heraus begründet hatte, fühlt man sich dadurch auch persönlich angegriffen. Und reagiert meist durch die oben beschriebenen Prozesse zur Auflösung kognitiver Dissonanz. Das macht das Internet zu einer Art weltweitem Stammtisch.

…und auch außerhalb der virtuellen Welt

Der Grundsatz, dass eine Meinung hinreichend begründet sein muss, wird hier also von den Menschen implizit in Frage gestellt. Zugleich bildet sich in diesem Prozessen aber nur eine gesamtgesellschaftliche Tendenz ab, Ursachen außerhalb zu suchen. Das klassische Beispiel ist natürlich, dass „der Lehrer blöd ist“ und nicht etwa man selbst zu faul war, wenn man eine schlechte Note schreibt. Sicher hat man den abgefragten Stoff nie im Unterricht durchgenommen oder wenn, dann konnte die Lehrkraft ihn nicht vernünftig vermitteln. Oder wenigstens war man ja eine Woche krank und hatte gar keine Chance, die Lerninhalte zu vertiefen oder gar das Buch zu lesen, das man seit einem Monat behandelt. Dass Eltern in der Schule in Gegenwart eines Anwalts vorsprechen, der Druck auf die Notengebenden ausüben soll, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Inzwischen setzt sich diese Tendenz sogar an den Universitäten fort. Welche Absurditäten man als Prüfungsbeauftragter inzwischen auf den Schreibtisch gelegt bekommt, ist manchmal kaum zu fassen. Da gibt es ein Vollplagiat und der Prüfling behauptet, die Dozentin habe ja nie deutlich gemacht, dass das nicht gestattet sei. Da werden Dozenten „Neid auf die großartige wissenschaftliche Leistung [der] Hausarbeit“ im zweiten Semester vorgeworfen. Oder wenigstens sei die aus Kulanz gewährte Nachkorrekturfrist von vier Wochen zu kurz gewesen, um auch nur ein Wort an dem abgegebenen Essay zu ändern.

Ob Frei.Wild-Forum oder wissenschaftlicher Text: Wir sollten vielleicht wieder einmal dazu übergehen, unsere Handlungen und unsere Positionen fundamental zu hinterfragen. Wenn wir sie dann auch außerhalb von Empfindungen und Einzelbeispielen begründen können, sollten wir sie behalten − und mit diesen Begründungen auf andere zugehen. Wenn wir dazu aber nicht in der Lage sind, sollten wir überlegen, ob nicht auch andere vielleicht recht haben könnten.

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9 Gedanken zu „Vom Aussetzen der Argumentation

  1. Lieber ramagens,
    ein sehr interessanter Post, in dem du ein Thema ansprichst, über das ich mir die letzten Tage auch viele Gedanken machen musste. Ich finde den Ton und Diskussionsstil im Internet teilweise erschreckend. Vor einiger Zeit war ich mehrere Jahre lang in einem Bücherforum aktiv, das ich unter anderem auch aus diesem Grund verlassen habe: der Umgangston war stellenweise schwer zu ertragen, auch wenn ich selbst nicht immer betroffen war, war es für mich schwer mit was für einer Arroganz stellenweise auf andere Nutzer eingehauen wurde.
    Ich glaube, dass dir Diskussion im Internet häufig auch daran krankt, dass viele die im Internet diskutieren wenig soziale Möglichkeiten zum Austausch haben. Es gibt einige, die schreiben Sachen in ihren Kommentaren, die ich nie in meinem direkten persönlichen Umfeld oder auch in meinem Arbeitsumfeld so sagen würde oder überhaupt so sagen könnte. Im Internet scheinen da aber viele keine so große Hemmschwelle zu haben.

    • Vielen Dank! Was auch immer im Bücherforum geäußert wurde: Gerade im Bereich ‚Literatur‘ finde ich es nur schwer vorstellbar, wieso manche Menschen sich derart im Ton vergreifen. Bei Politik läge es z.B. deutlich näher – und passiert natürlich leider regelmäßig.
      Wahrscheinlich hast du Recht und einigen fehlt der soziale Austausch, sozusagen als Übung. Aber das Internet wird ja heute von nahezu allen Menschen benutzt und zumindest solche zwischen 15 und 35 nutzen auch recht intensiv Foren, Blogs, Social Networks usw., auch ohne dass diese Menschen ansonsten sozial isoliert wären. Ich denke, es ist eine Mischung verschiedener Aspekte, wobei stets verschiedene Punkte in den Vordergrund treten: Struktur des Internets, wenige soziale Kontakte, Gefahr für das Selbstkonzept, Distanz zum Gegenüber (Medium!), fehlendes Wissen…

  2. Guten Abend Ramagens, ich finde es sehr schön, dass auch du dieses Thema Online-Dialog und die Diskussionskultur im Internet auf diese dezidierte sachliche Weise ansprichst und betrachtest. Ich kann deiner Bestandsaufnahme nur zustimmen, denn ebensolches stellte ich auch schon fest, als Laura und ich in unserem auswärtigen Gespräch „Dialog über den Dialog“ bei den Seitenspinnerinnen befragt wurden zur Online-Kommunikation beim Bloggen: http://www.seitenspinnerinnen.de/wp/?p=6608#comments
    Was mir besonders auffällt, ist auch, dass bestimmte Kommentatoren von vorn herein einen derart engen Horizont und festes Selbstbild haben, dass sie gar nicht offen dafür sind, andere Meinungen anzunehmen, sich mit diesen zu vergleichen und ihre eigene Position zu überdenken. Aber gerade darin liegen doch die Möglichkeiten und Chancen der Online-Kommunikation. Warum sollte ich sonst ein öffentliches Blog führen, wenn ich mir nicht im Klaren bin, dass ich mich dadurch mit anderen austauschen möchte und Stimmen zu meiner Meinung hören will, um etwas über mich und die Welt zu lernen. Doch diese Offenheit scheint so mancher Online-Diskutant nicht zu besitzen. Davon abgesehen, dass man online, wie du schon feststellst, eine bunten Haufen verschiedenster Meinungen vorfindet, von Menschen ganz unterschiedlichem Bildungsstand, die sich so in der „echten“ Welt nie begegnen würden. Aber eben das darf man auch nicht vergessen, dass hinter einem Online-Artikel auch ein „echter“ Mensch steckt, mit Gefühlen, die man verletzen kann, wenn man sich einfach nur völlig unsachlich und undifferenziert äußert, ohne auf sachliche Kritik einzugehen. Manch Blogger glaubt, es wäre ein kritischer Umgangston auf Literaturblogs verpönt – so ein Quatsch. Es geht darum sachlich, zum Thema und mit Anstand und Respekt zu argumentieren und sich zu äußern, ohne sich immer nur um das eigene Ego zu kreisen und die eigene Meinung derart wichtig zu nehmen … Weiterhin wird vergessen, dass wir den Menschen hinter einem Blog nicht kennen – dieser gibt nur ein Bild von sicher wieder, und daher sei jeder Kommentar, der persönlich wird, dreimal überdacht, ob er vonnöten ist. Doch leider leider ist das selten der Fall und daher glaube ich, sind eine „echte“ Kommunikation sowei ein echter Dialog auf Augenhöhe kaum möglich … Es kommt so schnell zu Missverständnissen, es fehlt die Lebendigkeit des face-to-face-Dialogs, die Gestik und Mimik, und Ironie geht viel zu oft unter und wird von vielen einfach nicht richtig verstanden … denn auch lesen will gelernt sein, und so mancher der in der Online-Welt unterwegs ist, huscht einfach so über die Sätze, gibt den eigenen Senf dazu und bemerkt gar nicht, dass er sich nur an der Oberfläche befindet und am anderen immer wieder vorbeiredet und den Kern der Sache mit kleinen Randphänomenen übertüncht und gekränkter Eitelkeit verdrängt …. Das Internet ist ein Marktplatz der Eitelkeiten, eine gesellschaftliche Müllhalde, ein öffentlicher Pranger … leider. Sachlicher Austausch kommt viel zu kurz, selten wird nachgefragt. Jeder glaubt, er müsse ständig zu allem eine Meinung haben und diese ungefiltert äußern, dabei versteckt man sich unter der Anonymität, die das Internet ermöglicht, man wird für seine Äußerungen selten zur Verantwortung gezogen und das macht das öffentliche Geschimpfe so leicht. So manch sich so groß zu Wort meldender kompensiert damit wahrscheinlich nur eigene Probleme und ungelöste persönliche Befindlichkeiten … Wie gelingt also eine sachlichere, kritische und respektvolle Kommunikation?

    • Hallo Katja,

      dass dir mein Eintrag gefällt, freut mich natürlich. Und noch mehr freue ich mich über deinen Kommentar. Auch wenn meine Antwort spät kommt: Hier ist sie! 🙂
      Offenbar ist es deine Position, dass du ein öffentliches Blog führst, um dich mit anderen Menschen auszutauschen und um etwas über die Welt (anderer) zu erfahren. Zugleich gibt man ja aber auch immer einen Teil seiner Welt preis, wenn man öffentlich seine Meinung kundtut. Ich würde vermuten, dass dieser Aspekt bei vielen Menschen überwiegt; es ist eher die Suche nach Bestätigung als nach Auseinandersetzung, die sie dazu treibt, mit ihren Ansichten einen Teil von sich selbst in die Öffentlichkeit zu stellen. Dabei will ich auch nicht behaupten, dass ich frei davon bin, denn wenn ich meine eigene Meinung tatsächlich vollkommen irrelevant fände, würde ich sie nicht ins Internet hinausschreiben.
      Auch wenn ich dir ansonsten grundsätzlich zustimme, finde ich die Formulierung etwas zu hart: Ich denke nicht, dass das Internet eine gesellschaftliche Müllhalde ist. Vieleher scheint es mir ein Abbild der Gesellschaft, ein Abbild der Menschen zu sein. Denn wenn wir ehrlich sind, können sich viele Menschen ab einer gewissen Themenkomplexität auch außerhalb des Internets nicht mehr sachlich austauschen. Da sie das aber oft auch gar nicht tun, im Internet jedoch die Möglichkeit dazu haben, durch Kommentarfunktionen sogar quasi dazu aufgefordert werden, geschieht es hier eher und fällt es hier eher auf.
      „Wie gelingt also eine sachlichere, kritische und respektvolle Kommunikation?“ – Das ist die entscheidende Frage. Ich denke, entsprechend meiner vorherigen Ausführungen, nicht, dass die Lösung im Internet liegt. Wahrscheinlich sind Erziehung / Sozialisation der erste entscheidende Punkt. Ohne die Einstellung, alles kritisch zu hinterfragen, werde ich viele Dinge als natur-, gott- oder sonstwie gegeben hinnehmen. Dazu braucht es Bildung, sowohl im Sinne von reinem Faktenwissen als auch von dem Wissen um das, was ich nicht weiß und der Möglichkeit, mir dieses Wissen anzueignen. Und weiterhin ist ein Bewusstsein unabdingbar, dass es diese Fakten eigentlich nicht gibt, sondern dass sie Interpretationen von (eigenen) Wahrnehmung sind.
      Abgesehen davon kann man sicher aber auch selbst versuchen, zu einem angenehmen Diskussionklima beizutragen. Das wird nicht immer funktionieren, aber wenn man selbst auf missverständliche Ironie und auf Sarkasmus in der schriftlichen Kommunikation verzichtet, wenn man selbst sachlich argumentiert und dem Gegenüber Botschaften des Verständnisses sendet, ist in vielen Fällen schon einiges gewonnen.

      • Lieber ramagens … Manchmal braucht man halt eine Weile und es macht gar nichts. Du hast das genau so schön zusammengefasst, besser könnte ich es nicht sagen. Ich gebe dir 100 % Recht. Das sage ich nicht oft. Die Bezeichnung „Müllhalde“ spiegelt wohl in ihrer Polemik etwas wieder, was ich bisher oft wahrnahm. Ich habe mir lange überlegt, ob ich im Internet öffentlich sein will oder muss, doch es war eine gute Entscheidung. Ja, ich suche eher die Auseinandersetzung, freue mich aber natürlich wie jeder auch mal über Zustimmung oder wenn jemand bemerkt, dass es ihm ähnlich ging beim Lesen dieses oder jenes Buches. Das ist natürlich auch schön. Allerdingsding bin ich eben ein kritischer Mensch, setze mich gern auseinander, hinterfrage und hoffe diese mit anderen Menschen auf diese Weise teilen zu können, zur Diskussion anzuregen, und zum Nachdenken, Weiterdenken, Reflektieren … Es ist völlig richtig, dass der Umgang im Internet Respekt und sachliche Argumentation verlangt, die jedoch so nicht jeder gibt oder geben möchte. Wie du schon sagst, ist dafür eine gewisse Bildung notwendig und eine Sozialisation. Man weiß nie, wen man vor sich hat und es kann so schnell zu Missverständnissen kommen. Ironisch bin ich auch oft, das versteht nicht jeder gleich und ich bin mir sicher, dass man dadurch ein ganz anderes Bild vom anderen hat. Man liest meine Meinung, meine Sätze und macht sich ein Bild, schiebt mich in eine Ecke, versteht mich, mag meine Formulierungen oder nicht. Ich denke, es gehört auch viel Abstraktionsvermögen und ein gutes Quentchen Humor, Selbstkritik und Selbstironie dazu sich mit einem Blog der Öffentlichkeit zu stellen, wenn man es ernsthaft betreibt. Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen und nie vergessen, dass andere einen nur anhand dieser Sätze beurteilen können und nie zur Gänze. Leicht ist das nicht immer, man fühlt sich missverstanden. Aber man kann dann sachlich argumentieren, sich erklären, wenn man das will. Obwohl man das nicht immer muss …

        Ich freue mich, dass sich hier ein Mensch äußert, der tiefer geht, strukturiert denkt und schreibt – also ich meine dich damit 😉

        Auf weitere anregende Auseinandersetzungen über Literatur, Kunst und Gesellschaft – gute Nacht.

  3. Moin Ramagens,
    vielen Dank für diesen spannenden Post! Ich bin annähernd gar nicht in der Blog-Szene und auch nur noch wenig in Foren unterwegs und habe deshalb einen etwas begrenzteren Horizont. Aber auch wenn ich nur Facebook nutze, kann ich gut nachvollziehen, wie du zu diesem Thema gekommen bist. Die Einbindung des Konzepts der kognitiven Dissonanz empfinde ich als sehr schlüssig, um erklären zu können, warum so schnell sehr aggressiv und auch gegen Personen gerichtet gepostet wird.
    Deine letzten Absätze zeigen ja auch auf, dass es sich bei der mangelnden Streitkultur (und auch bei der kaum vorhandenen Selbsthinterfragung) um ein allegmeines, nicht nur in der virtuell existierenden Welt, Problem handelt. Genau hier stellt sich mir aber die Frage nach der Motivation der Online-Diskutanten. Will der Großteil der Facebook-User denn tatsächlich eine sachliche Diskussion? Geht es nicht vielmehr häufig nur um die schnelle Stellungnahme, die Kundgabe der eigenen, notfalls auch unreflektierten Meinung?
    Die einfachste und kürzeste Möglichkeit zu einer Sache Stellung zu beziehen ist der „Like-Button“. Ich kann meine Meinung verbreiten, ohne einen Funken Argumentation abzusondern. Natürlich begrenzt auf Dinge, die ich gut finde. Hier wird aber das generelle Prinzip deutlich, eine Meinung haben zu dürfen, auch wenn ich sie nicht begründe. Weder der Drang, noch der Zwang zur Argumentation scheint in diesem Fall vorhanden, denn sonst würde ja ein Post folgen, der vielleicht erklärt, wie ich zu meiner Meinung komme.
    Auf einen Post bin ich erst angewiesen, sollte ich mal eine Sache nicht gut finden. Dann werde ich aber umgehend auch zur Begründung gezwungen und die von Ramagens skizzierten Polemiken lassen nicht lange auf sich warten.
    Wie ist es denn bei Youtube? Dort gibt es ja auch die (relativ selten genutzte) Option ein Video schlecht zu finden, ohne eine Begründung folgen zu lassen. Aber wird dort dann weniger oder wenigstens unpolemischer argumentiert? Ich schätze mal, eher nicht. Aber vielleicht ist ja auch dort jede negative Bewertung ein Zeichen dafür, dass Menschen sich ausdrücken wollen, ohne genau wissen zu müssen, wo ihre Haltung herkommt…

    Ich hoffe, ich bin jetzt nicht zu weit vom eigentlichen Thema abgekommen. Mein Vorschlag für das Gelingen einer sachlicheren, kritischeren und respektvolleren Kommunikation im Internet soll jetzt auch nicht die Einführung eines „Dislike-Buttons“ bei Facebook sein, aber vielleicht lohnt sich ja tatsächlich die Untersuchung der Motivation von Online-Diskutanten.

    • Hallo Leonid,

      das ist wirklich ein interessanter Aspekt, den du da ansprichst. Auch ich bin der Meinung, dass es oftmals tatsächlich nur um die (kurze) Darstellung der eigenen Ansichten geht. Der Like-Button ist da wirklich ein passendes Beispiel. Das ist insofern sehr interessant, weil hier gezeigt wird, dass das Affirmative angeblich keiner Begründung bedarf; ohne Begründung ist auch die „Angriffsoberfläche“ gering. Wenn jemand jedoch eine kritische Position einnimmt, muss er diese, sofern die Schwelle nicht zu hoch ist, dass er sie überhaupt äußert, ausführen. Während ein „Gefällt mir“ hingenommen wird, ruft ein ausgeschriebenes „Gefällt mir nicht“ oftmals Widerstand und Aufforderungen zu Begründung hervor. Und eben dieser Prozess setzt meines Erachtens meist auch bei Youtube ein. Das sieht man auch an den oft-gelikten und meist sarkastischen Kommentaren, die sich auf jene Minderheit beziehen, welche ein bestimmtes Video negativ bewertet hat. Bei einem Video zur Urknalltheorie z.B. „48 Personen haben den Knall nicht gehört!“

  4. Interessanter Artikel! Grundsätzlich bin ich für eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit Themen. Allerdings kann das allein auf schriftlicher Basis, noch dazu in einem für einen lebendigen Austausch halbwegs angemessenen zeitlichen Rahmen, mitunter sehr mühsam werden.

    Gerade dann, wenn die elementarsten Umgangsformen und die gemeinsame und gegenseitige Versicherung der Verständigung darüber, wieder und wieder durchgekaut werden, das angesprochene Thema dabei jedoch nahezu unberührt bleibt. Mir kommt da manchmal ein Klischee bei Misswahlen in den Sinn. Eine wünscht sich den Weltfrieden und alle blöken es nach. Im Kleinen beobachte ich das manchmal auf Blogs. Klar, so ein bisschen Frieden ist ja auch schöner und vor allem so viel bequemer, als mal den eigenen Standpunkt zu überdenken.

    Gesunden Menschenverstand vorausgesetzt und einen in etwa ähnlichen Erfahrungshorizont angenommen, habe ich eine gewisse Vorstellung, was z.B. buzzaldrin in ihrem obigen Kommentar unter einem „schwer zu ertragen[den]“ Umgangston versteht. Das ist allerdings schon die erste Hürde. Denn so klar, wie das Bild, das ich dabei vor Augen habe (z.B. eine klar adressierte Beleidigung) ist es anscheinend nicht für jeden (dabei meine ich nicht buzzaldrin! – nur ein Beispiel zur Veranschaulichung) [Eine Fußnote, zu der ich mich aus Erfahrung leider genötigt sehe]. Die von Katja erwähnten Eitelkeiten kommen bei der Wahrnehmung womöglich zum Tragen und aus einer Mücke wird dann gerne mal ein Elefant.
    Will ich nun aber jedes Wort auf die Goldwaage legen? Es auf jede etwaige Bedeutung abklopfen, meine Definition darlegen? Sätze sezieren? Eigentlich nicht. Zumindest nicht tagein tagaus aufs Neue. Darum bewege ich mich gewöhnlich in Bereichen, in die ich hineinzupassen scheine, von denen ich glaube, ein wenig Ahnung zu haben. Für die ich mindestens aber Leidenschaft mitbringe. Gemeinsame Begeisterung für eine Sache ist eine der besten Grundlagen für ein Gespräch. Und trotzdem ist diese gemeinsame Leidenschaft nicht mehr und nicht weniger als eine geteilte Passion. Der Mensch, der sich hinter einem (Gr-)Avatar befindet, bleibt uns doch zum größten Teil verborgen.

    Ich nehme dir/Ihnen ab, dass das Persönliche, was Sie hier schreiben, nicht frei erfunden ist. Eine Garantie habe ich nicht. Die Anonymität ist meines Erachtens ein hohes Gut, führt aber mit Sicherheit auch zu einer geringeren Hemmschwelle. Allerdings finde ich die Beispiele Youtube oder Facebook bei Nutzerzahlen von jeweils mehr als 1 Milliarde ohne Aussagekraft. Da kann ich dann auch schreiben, eine sachliche Diskussion unter Menschen ist oftmals nicht möglich.

    Ich denke schon, dass es im Internet spezifische Ausprägungen gibt, die dem Medium geschuldet sind, glaube aber nicht, dass die sich so großartig von allgemein in der Gesellschaft zu beobachtenden Phänomenen unterscheiden. Die Wirkung bzw. der Umgang mit dem Medium wird wahrscheinlich oft unterschätzt (Stichwort: Shitstorm oder auch unbedachte Tweets auf Twitter, von Leuten, die es besser wissen müssten, weil sie in der Öffentlichkeit stehen). Dass ich an Diskussionen teilnehmen kann, ohne dafür qualifiziert zu sein, ist so ein Phänomen. Sobald es tiefer in die Materie geht, wird das früher oder später dennoch auffallen.

    Noch ein Wort zu katja1982: Ich nehme an, Du beziehst Dich auf die beiden Artikel bei steglitzmind. Ich bin einer derjenigen, der die Artikel bzw. die These nicht als Quatsch bezeichnen würde, muss aber auch hier noch einmal klarstellen, dass das keine Pauschalkritik war, wie man das hier etwa verstehen könnte. Aber auch da denke ich, dass jeder seine persönlichen Erfahrungen gemacht hat. An den Reaktionen habe ich schon sehen können, dass die aufgestellte These von kaum jemandem unterstützt wurde. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass die wenigsten wirklich darauf eingegangen sind.
    Abschließend noch etwas zur Art der Diskussionsführung. Ich finde schon, dass Diskussionen auch mal etwas hitziger verlaufen können, ohne dass es gleich persönlich werden muss. Im Gespräch verfliegen die Emotionen, im Schriftlichen bleiben sie stehen, hängen womöglich schwer zwischen den Zeilen. Das ist schon manchmal ein Problem, aber ohne Emotionen keine Leidenschaft. Wenn es immer nur steril, sachlich & nüchtern zugehen soll, dann macht das auf Dauer auch keinen Spaß. Zugegeben: In den Kreisen, in denen sich einige der Diskutanten bewegen, gibt es nicht so viel Anlass für hitzige Gefechte.

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