Anna Sam – Die Leiden einer jungen Kassiererin

Vor einigen Tagen hatte ich den spontanen Einfall, dass der Platz hinter der Kasse eines Supermarktes doch hervorragend geeignet sei, soziale oder kulturanthropologische Studien durchzuführen. Man bekommt so viele Personen zu Gesicht und kann nicht nur ihr Verhalten, sondern zugleich ihren Konsum beobachten. Daraus ließe sich doch gewiss eine interessante und humorvolle Gesellschaftsanalyse machen. Kaum hatte ich das geäußert, wurde ich gleich belehrt, solch ein Buch gebe es schon: Die Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam.

Bereits 2008 in Frankreich erschienen, wurde es im September 2010 in deutscher Sprache bei Goldmann publiziert. Die studierte Literaturwissenschaftlerin Sam stellt darin Beobachtungen aus dem Blickwinkel hinter der Kasse an, an welcher sie während und auch nach dem Studium insgesamt acht Jahre gearbeitet hat. Und tatsächlich lässt sich auf dem Rückumschlag lesen:

Mit ironischer Lässigkeit und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie hier Szenen aus der Welt der Supermärkte, die im Kleinen das widerspiegelt, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt.

Anna Sam

Besonders im Fokus stehen dabei natürlich die Kunden. Wer schon einmal, sei es in der Ausbildung und im Berufsleben oder nur als Nebenjob während der Schulzeit oder dem Studium im Verkauf gearbeitet hat, wird das Phänomen kennen: Es gibt Kunden, die behandeln einen wie Dreck. Besonders schlimm ist es in der Systemgastronomie und an der Supermarktkasse, denn hier finden keine Beratungsgespräche mehr statt. Stattdessen werden nur noch Floskeln ausgetauscht und vorgegebene Gespräche durchgeführt. Das führt offenbar bei nicht wenigen dazu, nicht mehr den Menschen zu sehen, sondern nur noch die Funktion. So ist es natürlich im System angelegt, denn der Mensch brächte Uneinheitlichkeit und damit Unplanbarkeit in die Verkaufsprozesse. Das reflektiert Anna Sam leider nicht. Auch die angeprangerten Arbeitsbedingungen (3 Minuten Pause pro Stunde Arbeit, Rückenprobleme durch ungesunde Arbeitshaltung, strikte Hierarchien, unplanbare Schichten) werden zwar benannt, aber nicht tiefer untersucht. Dafür unterhält die Autorin mit einer Kunden- und Chef-Typologien und einer herrlich sarkastischen Kommentierung des Erlebten.

Dachten Sie etwa, Sie würden, wenn Sie sich als Kassiererin verdingen, außer Ihrem Beruf nichts dazulernen? Nicht so pessimistisch! Wenn es um das Studium der menschlichen Dummheit geht, befinden Sie sich in einer absolut beneidenswerten Position.

Viele Anekdoten füllen die 171 Seiten des Werkes. Darunter auch jene, bei der sich zwei Freundinnen vor der Kasse streiten und handgreiflich werden, als es um die Frage geht, wer von beiden zahlen darf: Beide wollen die andere einladen. Anna Sam analysiert treffend:

Diese kleine Geschichte zeigt meiner Ansicht nach einen der tragenden Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Die „Bezahlung“ gilt als einziger echter Freundschaftsbeweis, sogar mit der besten Freundin. Gleiches gilt in der Liebe … ich bezahle, also bin ich.

Weiter ausgeführt wird diese Betrachtung nicht und sie bleibt ohnehin ein Einzelfall. Andere Anekdoten sind zwar unterhaltsam, gehen über die Witzigkeit jedoch auch nicht hinaus. So auch die Klassifikation von Diebstahlsversuchen („Der Schönredner“, „Das streitende Paar“, „Der Versteckspieler“, „Der Outrierer“, „Der Langstreckenläufer“, „Der Strichcode-Schwindler“, „Der ‚Hast-du-nicht-gesehen‘-Typ“). Das ist lustig. Mehr ist es nicht.

Insofern kann man Die Leiden einer jungen Kassiererin als Versuch einer humorvollen und massentauglichen Ethnographie lesen − doch dieser Versuch ist es dann auch geblieben. Meine gewünschte kulturanthropologische Studie steht also offenbar noch immer aus.

2 Gedanken zu „Anna Sam – Die Leiden einer jungen Kassiererin

    • Na, das kannst du aber doch sicher besser selbst als ich. Ich weiß nur nicht, ob du so ein breites Gesellschaftspanorama bei dir vor der Kasse hast wie im Supermarkt. Aber einen Versuch ist es wert! 😉

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