Vom Aussetzen der Argumentation

Es ist ein eigenartiges Phänomen des Internets, dass Diskussionen schnell in Beleidigungen ausarten und dass gute, ja sogar zwingende Argumente von Diskussionsteilnehmern ignoriert werden. Eine sachliche Diskussion ist oftmals nicht möglich und als Beobachter gewinnt man in vielen Fällen den Eindruck, dass mindestens ein Diskutant, oftmals aber auch alle Beteiligten vollkommen aneinander vorbei reden. Wer wollte, könnte in diversen Blogs, aber besonders auf Facebook-Seiten und in Youtube-Kommentarspalten eine unendlich anmutende Fülle von Beispielen finden. Einen Artikel, der sich diesen Diskussionen eher auf der Ebene der Bedeutungszuschreibung nähert, hatte ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. In letzter Zeit ist besonders die Band Frei.Wild als Thema beliebt, wenn es um den Austausch semantisch reduzierter Sentenzen geht. Keine dieser Erscheinungen ist in dieser Intensität im Alltag außerhalb des Internets zu beobachten. Wie kann das sein?

Die Strukturen des Internets

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass bei vielen Rahmenbedingungen − etwa Facebook- und Youtube-Kommentare, aber natürlich auch Twitter − die Länge der Nachrichten explizit oder rezeptionsbedingt limitiert ist. Der Aufbau einer komplexen Argumentation ist hier gar nicht möglich. Weil aber auch in Foren und Blogs recht schnell ad hominem diskutiert wird und weil auch hier schlüssig und rhetorisch aufgebaute Argumentationen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, muss es weitere Gründe geben.

Internet Discussion

Diese sind sicher zum Teil in der partizipativen Struktur des Web 2.0 zu suchen: Alle können Mitreden. Ich brauche keine Qualifikation, um mich zu einem Thema zu äußern, wie es − zumindest meistens − der Fall ist, wenn ich im Fernsehen, der Printpresse oder in der Literatur mit meinen Positionen zitiert und rezipiert werden möchte. Diese Nicht-Qualifikation spiegelt sich dann auch in den entsprechenden Debattenbeiträgen wider. Vor allem das Ausgehen von fragwürdigen Prämissen ist dabei beliebt. Die eigene Position fundamental zu hinterfragen und auch an den Axiomen zu rütteln, wenn es Grund dafür gibt, ist zur Seltenheit verkommen. Wenn aber z.B. die vertretenen Grundannahmen schon in einem Widerspruch zur gängigen Forschungsmeinung, so es sie denn gibt, stehen und diese Abweichung nicht einmal begründet werden kann, ist es natürlich nicht möglich, eine sinnvolle und andere überzeugende Argumentation auf ihnen aufzubauen.

Wir brauchen positive Selbstkonzepte

Im Beispiel Frei.Wild sieht man das an Kommentaren wie „freiwild sagt selbst, dass sie gegen rechts sind also könen sie ja wohl keine nazis sein“. Offenbar liegt diesem Satz die fragwürdige Annahme zugrunde, dass eine Aussage über das eigene Selbst bzw. das eigene Wesen nicht falsch sein kann. Das beanspruchen offenbar auch die Autoren dieser Kommentare für sich, und damit nähern wir uns auch schon einem Kern des Problems: positive Selbstkonzepte.

Ich selbst bin Geisteswissenschaftler und kein Psychologe, aber für die Rezeption der (meist etwas obskuren) psychoanalytischen Literaturwissenschaft musste ich mir ein paar psychologische Grundkenntnisse anlesen, so dass ich zumindest ein wenig zu dem Thema sagen kann. Um es ganz platt zu machen: Damit wir mit dem Leben klar kommen, brauchen wir ein positives Bild von uns selbst. Wir haben ein Konzept davon, welche Vorstellungen wir haben und gehen davon aus, dass unsere Handlungen diesen Überzeugungen entsprechen. Bekommen wir von unserer Umwelt, also vorzüglich unseren Mitmenschen, anderweitige Rückmeldungen, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese muss jedoch aufgelöst werden, damit unser positives Selbstkonzept nicht in Gefahr gerät. Eine Möglichkeit dazu ist, Handlungen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Eine andere ist es, die Ursachen für die Dissonanz bei anderen oder in Sachzwängen zu suchen. Im Internet ist gerade dieses Abweisen der Verantwortlichkeit besonders einfach, weil ich die Menschen, mit denen ich diskutiere, in der Regel nicht persönlich kenne: „Ach, das sind nur irgendwelche Idioten aus dem Internet! Wie kann man nur so arrogant sein?!“, „Die werfen mir das vor? Die wissen ja nicht mal wovon sie reden! Immer diese Trolle! Ich hingegen, ich habe Ahnung von dem Thema, nicht nur wegen meiner persönlichen Erfahrung!“


Ein nettes Video, das die kognitive Dissonanz thematisiert

Dazu kommt, dass das Internet für einige Menschen die Möglichkeit bietet, ein neues Selbstkonzept zu erstellen. Wenn sie ihr positives Selbstbild in der Welt außerhalb des Internets verloren haben oder nur durch Isolation aufrecht erhalten konnten, reagieren sie umso heftiger, wenn sie im Internet ähnlich gelautete Rückmeldungen auf ihre (sprachlichen) Handlungen erhalten. Diese Reaktion kann sich in Ablehnung und Aggression ausdrücken und damit ein ad hominem oder tu quoque begründen.

Das Internet, ein weltweiter Stammtisch

Besonders wenn eine solche persönliche Verwicklung gegeben ist, fließen emotionale Aspekte stark in die Argumentation ein, was sie rational meist kaum noch nachvollziehbar werden lässt. Sie erhält dann Stammtischniveau im Stile von:

A: Also ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber diese Zigeuner…nee, so schlecht erzogene Kinder haben die!

B: Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass alle Sinti und Roma keine Kindererziehung bewerkstelligen können…

A: Also ich hab mal neben einer Zigeunerfamilie gewohnt und die Kinder waren den ganzen Tag laut und haben im Garten und Flur gerufen und die Türen geknallt. Sogar am Sonntag! Da kannste mir sagen, was du willst, die Zigeuner können ihre Kinder einfach nicht erziehen!

Was hier geschieht, ist natürlich eine induktive Argumentation par excellence. Aus dem Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Aber diese Schlussfolgerung wird nicht wieder mittels Deduktion überprüft. Man hatte persönliche Erlebnisse, die als negativ empfunden wurden, und natürlich möchte man sich nicht selbst die Schuld für diese negative Empfindung geben, sondern sucht sie bei anderen. Jetzt kommt jemand, der einem sagt, dass die Lösung, die man sich zurecht gelegt hat, um seine negative Empfindung zu erklären, keinen Sinn ergibt. Doch weil man sie aus einer persönlichen Angelegenheit heraus begründet hatte, fühlt man sich dadurch auch persönlich angegriffen. Und reagiert meist durch die oben beschriebenen Prozesse zur Auflösung kognitiver Dissonanz. Das macht das Internet zu einer Art weltweitem Stammtisch.

…und auch außerhalb der virtuellen Welt

Der Grundsatz, dass eine Meinung hinreichend begründet sein muss, wird hier also von den Menschen implizit in Frage gestellt. Zugleich bildet sich in diesem Prozessen aber nur eine gesamtgesellschaftliche Tendenz ab, Ursachen außerhalb zu suchen. Das klassische Beispiel ist natürlich, dass „der Lehrer blöd ist“ und nicht etwa man selbst zu faul war, wenn man eine schlechte Note schreibt. Sicher hat man den abgefragten Stoff nie im Unterricht durchgenommen oder wenn, dann konnte die Lehrkraft ihn nicht vernünftig vermitteln. Oder wenigstens war man ja eine Woche krank und hatte gar keine Chance, die Lerninhalte zu vertiefen oder gar das Buch zu lesen, das man seit einem Monat behandelt. Dass Eltern in der Schule in Gegenwart eines Anwalts vorsprechen, der Druck auf die Notengebenden ausüben soll, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Inzwischen setzt sich diese Tendenz sogar an den Universitäten fort. Welche Absurditäten man als Prüfungsbeauftragter inzwischen auf den Schreibtisch gelegt bekommt, ist manchmal kaum zu fassen. Da gibt es ein Vollplagiat und der Prüfling behauptet, die Dozentin habe ja nie deutlich gemacht, dass das nicht gestattet sei. Da werden Dozenten „Neid auf die großartige wissenschaftliche Leistung [der] Hausarbeit“ im zweiten Semester vorgeworfen. Oder wenigstens sei die aus Kulanz gewährte Nachkorrekturfrist von vier Wochen zu kurz gewesen, um auch nur ein Wort an dem abgegebenen Essay zu ändern.

Ob Frei.Wild-Forum oder wissenschaftlicher Text: Wir sollten vielleicht wieder einmal dazu übergehen, unsere Handlungen und unsere Positionen fundamental zu hinterfragen. Wenn wir sie dann auch außerhalb von Empfindungen und Einzelbeispielen begründen können, sollten wir sie behalten − und mit diesen Begründungen auf andere zugehen. Wenn wir dazu aber nicht in der Lage sind, sollten wir überlegen, ob nicht auch andere vielleicht recht haben könnten.

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Welttag des Buches – Blogger schenken Lesefreude

Die Idee ist eigentlich ganz Einfach: Zum Welttag des Buches verlosen Blogger Bücher ihrer Wahl, Leseempfehlungen, Werke, von denen sie selbst so begeistert waren, dass sie sich wünschen, auch andere würden sie lesen. Am 23.04., dem Welttag des Buches, wird dann ein Post online gestellt, bei dem alle Kommentierenden die Chance haben, das Buch zu gewinnen. Ich selbst war von der Idee begeistert und dachte mir: „Da machst du einfach auch mal mit!“
bloggerAlso kurzerhand angemeldet und nun könnt ihr am 23.04. bei mir Sostiene Pereira von Antonio Tabucchi gewinnen. Freilich nicht als italienisches Original, sondern in der deutschsprachigen dtv-Ausgabe als Erklärt Pereira. Da hier ja nicht besonders viele Menschen mitlesen, ist die Chance natürlich besonders hoch, den Roman zu gewinnen. Lohnen wird es sich für dieses Meisterwerk des politisch-historischen Romans allemal. Wer selbst an der Aktion teilnehmen möchte, kann sich mit einem Formular dafür anmelden. Auch ein Besuch auf der Facebook-Seite der Initiatorinnen lohnt sich sicherlich. Inzwischen ist die Anzahl der Blogs schon auf fast 500 angewachsen und es werden Tag für Tag mehr. Selbst Verlage und die Presse sind inzwischen auf die Aktion aufmerksam geworden, so dass vielleicht auch etwas mehr davon in die Gesellschaft getragen wird. Hoffen wir also, dass wir alle zusammen einige Stückchen Lesefreude verschenken können.

Tom Stoppard – Arkadien

Was wird von der jetzigen, zeitgenössischen Dramatik in 200 Jahren geblieben sein? Welche Dramentexte werden zum Kanon gehören? An welche Autoren wird man sich erinnern? Tom Stoppard hat das Zeug dazu, dass man seinen Namen auch noch in mehreren Generationen nennt. Zumindest hätte sein Œuvre es verdient, in Erinnerung zu bleiben.
Arkadien war mir bereits vor einigen Monaten von einer Freundin ans Herz gelegt worden, doch nie hatte ich Zeit, mich an den Text heranzutasten. Dabei benötigt man gar keine große Vorarbeit und auch die Lesedauer ist mit etwa zwei Stunden eher kurz, wird man doch durch die Regieanweisung gleich in medias res geworfen:

Ein Raum auf der Gartenseite eines sehr großen, aristokratischen Herrensitzes in Derbyshire im April des Jahres 1809. Heute würde man das Haus ein stattliches Anwesen nennen. Die hintere Wand besteht hauptsächlich aus einer hohen, schön gegliederten Fensterfront ohne Vorhänge; einer oder auch mehrere der bis zum Fußboden reichenden ArkadienFlügel können als Türen genutzt werden. Vom davorliegenden Grundstück ist nicht viel zu sehen und nicht viel zu sagen. Im Laufe des Stückes erfahren wir, daß das Haus in einer für jene Epoche typischen englischen Parklandschaft steht.

In diesem Raum wird die dreizehnjährige Thomasina, Tochter der Hausherrin, von ihrem Lehrer Septimus Hodge unterrichtet. Wie damals üblich deckt der Hausunterricht alle möglichen Fächer ab: Algebra, Zeichnen, Latein, Klavierspiel usw. Besonders in der Mathematik tut sich Thomasina als Genie hervor. Sie entwickelt die Grundlagen der fraktalen Geometrie, um Objekte in der Natur mathematisch beschreiben zu können und denkt über die Thermodynamik nach, bevor jemand anders auf diese Gedanken gekommen ist. Unabhängig ihrer erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten ist sie aber auch noch Kind.

THOMASINA Septimus, was bedeutet „fleischliche Umarmung“?
SEPTIMUS Als „fleischliche Umarmung“ oder Umarmung des Fleisches oder lateinisch amplexus carnis, von caro, carnis, femininum, Fleisch, bezeichnet man das Herumlegen der Arme um ein Rinderviertel.
THOMASINA Sonst nichts?
SEPTIMUS Nein… höchstens noch einen an die Brust genommenen Lammrücken, eine ans Herz gezogene Rehkeule, eine getätschelte Speckschwarte … einfach Fleisch.

Dieses Gespräch bietet den Auftakt zur Entdeckung einer ganzen Reihe amouröser Verhältnisse zwischen den Bewohnern und den Freunden und Gästen des Hauses, unter denen sich auch Lord Byron befindet. Sie bildet die Grundlage für ein Versteckspiel, das deutliche strukturelle Anleihen an die Komödie um 1800 aufweist. Und dies ist nur einer der Diskurse, die sich in den Dramentext einschreiben. Sprache, Landschaftsarchitektur, Literatur, Naturwissenschaften werden impliziert oder ausdrücklich thematisiert. Das geschaffene diskursive Netz ist beeindruckend dicht gestrickt; entsprechend lässt sich auch kaum ein zentrales Thema des Stückes benennen.

Ein zweiter Handlungsverlauf ist in der Gegenwart, aber im gleichen Raum angesiedelt. Die Schriftstellerin Hannah Jarvis recherchiert für ein Buch über die Gartenbaukunst und der Literaturwissenschaftler Bernard Nightingale versucht inkognito herauszufinden, wie Lord Byron in die Liebschaften um 1809 verstrickt war und ob er womöglich wegen eines Duells gegen einen Nebenbuhler das Königreich verlassen musste.

Mittels der dramatischen Ironie wird deutlich: Auch wenn er sich siegessicher ist, der Hermeneutiker tappt im Dunkeln. Aber auch sein naturwissenschaftlicher Konterpart Valentine, der versucht den in Thomasinas Skizzenbüchern niedergeschriebenen Genius zu negieren, kann seine Forschungen zur Fasanenpopulation nicht abschließen: „Zuviel Störgeräusche. Einfach zuviel Scheiß-Störgeräusche!“

Es entspinnt sich ein polemischer methodologischer Streit zwischen den beiden Wissenschaftlern.

BERNARD […] Wenn Erkenntnis keine Selbsterkenntnis ist, kommt nicht viel bei rum, Sportsfreund. Dehnt das Universum sich aus? Zieht es sich zusammen? Steht’s auf einem Bein und singt „Mein Hut, der hat drei Ecken“? Laßt mich da raus. Ich kann mein Universum ohne euch expandieren.

Tom Stoppard

Der Schriftsteller Tom Stoppard

So wird im Stück auf das Postulat des absoluten Wissens kritisiert, wissenschaftshistorische und -kritische Pointen finden sich zahlreich. Doch vor allem ist Arkadien auch spannend wie ein Kriminalstück, das einen von der ersten bis zur letzten Seite packt, weil die Ausgestaltung des Sujets und auch die mögliche Auflösung der Konflikte stets unvorhersehbar bleibt. Die strukturelle Verschränkung der beiden Handlungsstränge ist beeindruckend, findet sie nicht nur durch Objekte und Personal, sondern auch durch eine Zeitsynchronisierung statt, die besonders bei einer Inszenierung effektvoll sein muss.

Deutsche Aufführungen gab es bisher fast ausschließlich an Laientheatern, doch eine Aufnahme in das Programm eines professionellen Schauspielhauses wäre sehr wünschenswert. Gerade aufgrund der intertextuellen Bezüge scheint jedoch wohl der eine oder andere Dramaturg und Intendant zurückzuschrecken. Schade eigentlich, doch ist es auch als Lesedrama besonders interessant und womöglich auch leichter zu rezipieren. Wird doch nicht nur das Ende des Stücks schon mehrfach geschickt in Andeutungen vorausgenommen, unter anderem im titelgebenden „Et in Arcadia Ego“.

Anna Sam – Die Leiden einer jungen Kassiererin

Vor einigen Tagen hatte ich den spontanen Einfall, dass der Platz hinter der Kasse eines Supermarktes doch hervorragend geeignet sei, soziale oder kulturanthropologische Studien durchzuführen. Man bekommt so viele Personen zu Gesicht und kann nicht nur ihr Verhalten, sondern zugleich ihren Konsum beobachten. Daraus ließe sich doch gewiss eine interessante und humorvolle Gesellschaftsanalyse machen. Kaum hatte ich das geäußert, wurde ich gleich belehrt, solch ein Buch gebe es schon: Die Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam.

Bereits 2008 in Frankreich erschienen, wurde es im September 2010 in deutscher Sprache bei Goldmann publiziert. Die studierte Literaturwissenschaftlerin Sam stellt darin Beobachtungen aus dem Blickwinkel hinter der Kasse an, an welcher sie während und auch nach dem Studium insgesamt acht Jahre gearbeitet hat. Und tatsächlich lässt sich auf dem Rückumschlag lesen:

Mit ironischer Lässigkeit und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie hier Szenen aus der Welt der Supermärkte, die im Kleinen das widerspiegelt, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt.

Anna Sam

Besonders im Fokus stehen dabei natürlich die Kunden. Wer schon einmal, sei es in der Ausbildung und im Berufsleben oder nur als Nebenjob während der Schulzeit oder dem Studium im Verkauf gearbeitet hat, wird das Phänomen kennen: Es gibt Kunden, die behandeln einen wie Dreck. Besonders schlimm ist es in der Systemgastronomie und an der Supermarktkasse, denn hier finden keine Beratungsgespräche mehr statt. Stattdessen werden nur noch Floskeln ausgetauscht und vorgegebene Gespräche durchgeführt. Das führt offenbar bei nicht wenigen dazu, nicht mehr den Menschen zu sehen, sondern nur noch die Funktion. So ist es natürlich im System angelegt, denn der Mensch brächte Uneinheitlichkeit und damit Unplanbarkeit in die Verkaufsprozesse. Das reflektiert Anna Sam leider nicht. Auch die angeprangerten Arbeitsbedingungen (3 Minuten Pause pro Stunde Arbeit, Rückenprobleme durch ungesunde Arbeitshaltung, strikte Hierarchien, unplanbare Schichten) werden zwar benannt, aber nicht tiefer untersucht. Dafür unterhält die Autorin mit einer Kunden- und Chef-Typologien und einer herrlich sarkastischen Kommentierung des Erlebten.

Dachten Sie etwa, Sie würden, wenn Sie sich als Kassiererin verdingen, außer Ihrem Beruf nichts dazulernen? Nicht so pessimistisch! Wenn es um das Studium der menschlichen Dummheit geht, befinden Sie sich in einer absolut beneidenswerten Position.

Viele Anekdoten füllen die 171 Seiten des Werkes. Darunter auch jene, bei der sich zwei Freundinnen vor der Kasse streiten und handgreiflich werden, als es um die Frage geht, wer von beiden zahlen darf: Beide wollen die andere einladen. Anna Sam analysiert treffend:

Diese kleine Geschichte zeigt meiner Ansicht nach einen der tragenden Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Die „Bezahlung“ gilt als einziger echter Freundschaftsbeweis, sogar mit der besten Freundin. Gleiches gilt in der Liebe … ich bezahle, also bin ich.

Weiter ausgeführt wird diese Betrachtung nicht und sie bleibt ohnehin ein Einzelfall. Andere Anekdoten sind zwar unterhaltsam, gehen über die Witzigkeit jedoch auch nicht hinaus. So auch die Klassifikation von Diebstahlsversuchen („Der Schönredner“, „Das streitende Paar“, „Der Versteckspieler“, „Der Outrierer“, „Der Langstreckenläufer“, „Der Strichcode-Schwindler“, „Der ‚Hast-du-nicht-gesehen‘-Typ“). Das ist lustig. Mehr ist es nicht.

Insofern kann man Die Leiden einer jungen Kassiererin als Versuch einer humorvollen und massentauglichen Ethnographie lesen − doch dieser Versuch ist es dann auch geblieben. Meine gewünschte kulturanthropologische Studie steht also offenbar noch immer aus.