Wo liegt die Bedeutung?

In meinem letzten Post ging es unter anderem um Semantik. Und es ging um die Interpretation von Sätzen. Ebenso war das bereits ein Thema in meinem Artikel zur Kinder- und Jugendliteratur. Ich habe dazu auch im Kommentarbereich ein paar Anmerkungen gemacht. Daran will ich anknüpfen. Denn mir ist aufgefallen, dass im Internet gerne frei von der Leber weg über Bedeutungen diskutiert wird: Bedeutungen von sprachlichen und außersprachlichen Handlungen. Besonders beliebt ist das bei Facebook und Youtube, wenn es um die Themenkomplexe Nazismus, Rassismus und Sexismus geht.

Da kann man dann so etwas lesen wie „Wenn ich schlampe sage meine ich damit aber nicht alle frauen, sondern nur solche wo Schlampe sind.“ Die Replik folgt auf dem Fuße: „Es lieg aber nicht daran, wie du das Wort verwendet, sondern was es für eine Bedeutung hat.“

Unabhängig von der überschaubaren Sinnhaftigkeit dieses Dialogs; gemeint ist wohl, um mit dem klassischen Kommunikationsmodell zu sprechen: Die Bedeutung ergibt sich beim Empfänger, nicht beim Sender. Kann das so sein? Oder ist es umgekehrt möglich, dass ich ein Wort verwenden kann, wie ich es eben meine zu verwenden? Wo liegt die Bedeutung?

Das wird jetzt vielleicht ein ganz bisschen komplizierter. Ich setze zumindest ein Grundverständnis von Linguistik voraus, weil ich hier nicht leisten kann, was manche Lehrbücher nicht vermögen: Termini und Konzepte kurz und leicht verständlich zu erläutern. Satz- und Begriffssemantik werde ich zusammen abhandeln, was dem ganzen zwar keine Präzision gibt, aber den Text zumindest kürzer werden lässt.

Zunächst einmal wollen wir natürlich die griceschen Konversationsmaxime(n) zugrunde legen. Es erscheint eindeutig, dass es kein Verstehen geben kann, wenn ich mich an diese nicht halte. Wahrheit und Klarheit müssen gegeben sein, zudem die Angemessenheit in Zeit, Ort und inhaltlicher Richtung des Gesprächs. Um das Beispiel „Neger“ aus der Kleinen Hexe aufzugreifen: Was mit dem Begriff gemeint ist, muss ich als Sprecher klar machen. Entweder ich verwende den Begriff so, wie ich annehmen kann, dass mein Gegenüber ihn versteht, nämlich aufgrund einer konventionalisierten Bedeutung, den er innerhalb der Gesellschaft erfährt. Oder aber, ich mache vorher deutlich, was ich meine. Ein Satz wie „Auf dem einen Foto sieht man, dass du den Neger besser tiefer hängen solltest“ könnte womöglich zu schwerwiegenden Missverständnissen führen, wenn nicht allen an der Gesprächssituation beteiligten klar ist, dass hier mit „Neger“ ein Abdunklungsschirm im Fotostudio gemeint ist.

Nehmen wir einen anderen Satz als Beispiel: „Andreas hat viele Laster.“ Hier liegt nun lexikalische Ambiguität vor. Ist Andreas ein lasterhafter Mensch oder vielleicht schlicht der Besitzer einer Spedition? Allein aus diesem Satz kann das nicht erschlossen werden. Es liegt also an dem Sprecher, seine Intention deutlich zu machen, z.B. durch Deixis oder anderen Rekurs aus das vermutete Weltwissen seines Gegenübers.

Nun ist zu bedenken, dass das Weltwissen jedoch nicht bei allen Menschen gleich ist und gleich sein kann. Das gilt synchron betrachtet, noch mehr aber diachron. Hier liegt es also an den Rezipienten, korrekt verstehen zu wollen. Es muss Informiertheit erreicht werden. Wenn etwa Lessing in Der Eintritt des Jahres 1753 in Berlin schreibt: „So träg, als hübe sich ein Adler in die Lüfte, / Den man vom Raube scheucht: / Noch schwebt er drüber her, und witternd fette Düfte, / Entflieht er minder leicht“, was ist dann mit „fette Düfte“ gemeint? Wir können keinen Dialog führen, wir müssen uns selbst informieren und können dann so erkennen, dass im 17. und 18. Jahrhundert ‚fett‘ neben den heutigen Bedeutungen auch noch als ’schwellend‘, ‚fruchtbar‘, ‚triefend‘ und ’strotzend‘ verwendet werden konnte. Hier liegt es am Empfänger der Nachricht, sich um das Verstehen zu bemühen.

Wohlgemerkt sich um das Verstehen zu bemühen. Die Bedeutung liegt nach wie vor auf einer anderen Ebene. Offenbar muss sie dann beim Sprecher anzusiedeln sein. Und zwar darin, wie der Sprecher ein Wort gebraucht. Macht er keine andere Bedeutung als die anzunehmende deutlich, muss von dieser ausgegangen werden (vgl. zur Begründung Wittgenstein 1953: Philosophische Untersuchungen).

Wie aber ist es bei literarischen Texten? Hier ist das Kommunikationsmodell deutlich komplexer, denn wir müssen mindestens nach Wolfgang Iser einen impliziten Leser und impliziten Autor sowie einen fiktionalen Erzähler und einen ggf. nicht explizierten fiktionalen Rezipienten hinzufügen. Mitunter können wir auch noch eine extrafiktionale Stimme und einen idealisierten Leser annehmen. All dies ist zudem durch Schriftlichkeit vermittelt. Die Kommunikationssituation lässt sich hier also nicht so einfach auf das kontextualisierte Modell von Sender -> Nachricht im Medium -> Empfänger beschränken. Zudem verläuft sie monodirektional: Eine Antwort auf den Text ist ungewöhnlich, in vielen Fällen unmöglich und wenn, dann meist auf einer Metaebene zu finden.

literarische kommunikation
Grobes Modell literarischer Kommunikation

Für die Bedeutung hat das zur Folge, dass wir, weil wir nicht an den historischen Autor und seine Gedankenwelt (und damit sein Weltwissen) herankommen, die Bedeutung allein im Text suchen können. Dafür bedarf es beim Leser literarischer Texte der Fähigkeit zur Naturalisierung und in der Regel der Progression. Oder drastischer formuliert: Selbst, wenn ein Autor sich etwas bei einem Text gedacht hat, ist es uns nicht möglich, diese Intention nachzuvollziehen. Die bekannte Frage: „Was will uns der Autor damit sagen?“ sollte also vielleicht bestenfalls mit „Das können wir nicht wissen!“ beantwortet werden. Weitergehend könnte man also sagen, dass der Autor keine Hoheit über seinen Text hat, sondern dass die Bedeutung im Text liegt und von einem Leser erschlossen werden kann. Damit ist aber implizit auch bereits gesagt, dass es keine eindeutige Bedeutung im Text geben kann, sondern dass sie vom Leser konstituiert, wenn nicht konstruiert wird.

Ohne jetzt in Fragen der Hermeneutik abzuschweifen können wir also festhalten: Wir können von einer Bedeutung ausgehen, die beim Sender liegt. Diese intendierte Bedeutung ist die ursprüngliche. Gibt es keine direkte und wechselseitige Kommunikationssituation oder mitunter sogar Text, liegt es allein am Empfänger, eine Bedeutung zu konstruieren. Handelt es sich um einen Text, muss es diesem angemessen sein: Die Konversationsmaximen für einen literarischen Text zugrunde zu legen, ergibt keinen Sinn. Für die Rezeption eines Nachrichtentextes hingegen erscheint sie jedoch unabdingbar.

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Ein Gedanke zu „Wo liegt die Bedeutung?

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